Die Gewinnberichtssaison für das zweite Quartal ist in vollem Gange. Nach den ersten Unternehmensberichten auch hierzulande wird deutlich, dass die US-Dominanz weiter anhält. Handelskonflikt, Brexit oder die Italien-Problematik lasten auf den europäischen Volkswirtschaften und haben für abschmelzende Gewinne gesorgt. Das zweite Halbjahr dürfte kaum einfacher werden.

Portrait Burkhard Allgeier Chief Investment Officer
Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
02.08.2019

Konjunktur im Abwärtssog

Das Jahr 2019 setzt sich so fort wie 2018 zu Ende ging: Die Verlangsamung der ökonomischen Wachstumsgeschwindigkeit hält an und insbesondere das verarbeitende Gewerbe ist global in einer Abwärtsspirale von rückläufigen Auftragseingängen und Investitionen gefangen. Der Binnenkonsum bleibt weiterhin als Wachstumsstütze robust; erste Anzeichen gibt es jedoch auch hier, dass aufgrund eines schwächeren Arbeitskräfteaufbaus vor allem in Europa die Gefahr einer rezessiven Entwicklung sukzessive ansteigt.

Nach dem Boomjahr 2017 und dem durch politische Krisen gezeichneten Jahr 2018, wird 2019 zu einem Jahr, das vielerorts von geringem Wachstum geprägt ist – ein Ende der Negativentwicklung ist derzeit nicht abzusehen. Im Gegenteil, die Abwärtsrisiken sind sogar noch gestiegen. Der Internationale Währungsfonds hat kürzlich seine Weltwirtschaftsprognose zum dritten Mal in diesem Jahr nach unten korrigiert; mit dem Hinweis versehen, dass in seinem Basisszenario keine weitere Eskalation im Handelsstreit vorgesehen ist, diese jedoch eine weitere Verlangsamung der Weltkonjunktur zur Folge hätte.

Trotz der auf den ersten Blick global ähnlichen Problemfelder lassen sich regional erhebliche Divergenzen ausmachen. Wieder einmal profitiert die US-Volkswirtschaft durch ihre Konzentration auf den Binnenmarkt und die daraus resultierende geringere Abhängigkeit zu Weltwirtschaft und Welthandel. Die BIP-Wachstumszahlen für das zweite Quartal bestätigen diese Sichtweise. Nach überraschend starken Q1-Zahlen (+3,1% zum Vorjahr) wuchs in Q2 die US-Ökonomie mit 2,1% zwar deutlich langsamer, aber weiterhin über ihrer Potenzialrate. In der Eurozone dagegen leidet man unter den anhaltenden Streitigkeiten zwischen China und den USA dagegen umso stärker, die sich immer ausgeprägter in den Absatzzahlen von Automobilen und Industriegütern widerspiegeln. Daneben verunsichert der ungeklärte Brexit und sorgt für Planungsunsicherheit der Unternehmen. Mit 0,2% laut ersten Schätzungen zum Vorquartal lag das BIP-Wachstum im Durchschnitt nur knapp über der Nulllinie, in einigen Mitgliedsstaaten, wie z. B. Deutschland, wohl sogar darunter.

Gewinnerosion in Europa

Eine ähnlich divergente Entwicklung ist bei den Unternehmensgewinnen festzustellen. Im Vorhinein wurden sowohl in den USA als auch in Europa die Erwartungen an die Q2-Gewinnsteigerungsraten kräftig nach unten korrigiert, mit dem Ergebnis, dass hinsichtlich der Unternehmensergebnisse die Analystenschätzungen in beiden Regionen bislang gehalten oder sogar übertroffen wurden. Die tatsächlich berichteten Gewinn- und Umsatzzahlen lösen jedoch in Europa bei einem genaueren Blick keine Euphorie aus und sind ein Spiegelbild der realwirtschaftlichen Situation. Mit einem negativen ‚Gewinnwachstum‘ von rund 5% zum Vorjahr im EuroStoxx50 verläuft die Q2-Berichtssaison noch schlechter als die des Vorquartals (-2,2%). Während in der letzten Periode vor allem die Finanzwerte das Gesamtergebnis des EuroStoxx50 nach unten drückten, sind es jetzt die Automobilhersteller (z. B. Daimler, VW) und Unternehmen, die direkt von den PKW-Absatzrückgängen betroffen sind (z. B. BASF).

MSCI Welt: Gewinne

Source: H&A, Thomson Reuters Datastream

In den USA dagegen kann mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von fast 3% von einer Gewinnrezession bisher keine Rede sein. Wieder einmal sind es Altbekannte, die das positive Gesamtbild der Q2-Berichtssaison im S&P 500 prägen. Insbesondere die Technologie-Werte Facebook, Alphabet, Microsoft oder auch Twitter schafften es einmal mehr, die Vorjahresergebnisse deutlich zu steigern – und das, obwohl ein negativer Basiseffekt auf den Unternehmen lastet. Denn die Ergebnisse des letzten Jahres waren stark begünstigt durch die US-Steuerreform, deren Effekt nun ausläuft. Auch die Finanzunternehmen weisen im Vergleich zu ihren europäischen Pendants Jahr für Jahr höhere Gewinne aus und sind hochprofitabel. JP Morgan, Citi oder auch Wells Fargo präsentierten im zweiten Quartal zweistellige Gewinnwachstumsraten.

Ausblick

Blickt man auf die Kursverläufe der Aktienindizes, fällt auf, dass seit Jahresanfang erhebliche Kurssteigerungen erzielt wurden, sowohl in Europa als auch in den USA – und das trotz rückläufiger Gewinnzuwächse und abflauender Konjunktur. Getrieben durch den geldpolitischen Richtungsschwenk der Notenbanken und die Aussicht auf noch niedrigere Zinsen und eine Wiederaufnahme von Anleihekäufen wurden immer neue Jahres-  (Europa) und Allzeithöchststände (USA) markiert. Gerade in Europa mutet die Kursrally seltsam an, da die Realwirtschaft zunehmend rezessive Signale sendet und die politischen Problemfelder (Brexit, Handelsstreit, Italiens Budgetpolitik) ungelöst sind. Ob die Zinsfantasien die Kurse nachhaltig unterstützen können, darf zumindest bezweifelt werden. Denn Gewinn- und Konjunkturdynamik überwiegen in der Regel den positiven Zinseffekt. Dass sich die Situation nicht so schnell bessern wird, zeichnet sich durch die Frühindikatoren bereits jetzt schon ab. Die Einkaufsmanagerindizes in der Industrie stehen in Europa seit Monaten unter der Expansionsschwelle und der für Europa so wichtige Welthandel lahmt weiter.

Q2-Berichtssaison: EStoxx 50 vs. S&P 500
Berichtet Gewinnwachstum  
USA Europa USA Europa
Alle Unternehmen 66% 79% 2,8% -5,0%
Erdöl,-gas 62% 100% -7,7% -18,7%
Grundstoffe 68% 67% -15,1% -53,7%
Industrieunternehmen 77% 67% 2,2% 45,7%
Verbrauchsgüter 63% 89% 1,2% -12,2%
Gesundheitswesen 71% 100% 9,4% 13,2%
Verbraucherdienste 44% 50% 7,6% NV
Telekommunikation 50% 67% 15,7% -50,1%
Versorgung 46% 67% 10,1% 21,5%
Finanzdienstleistungen 83% 75% 4,5% 2,7%
Technologie 55% 100% -4,0% 6,6%

Quelle: H&A, Bloomberg, Stand: 01.08.2019


 

Die Wahl Boris Johnsons als Premierminister Großbritanniens hat einen harten Brexit Ende Oktober wahrscheinlicher gemacht. Selbst wenn sich eine Einigung im Handelsstreit zwischen China und den USA ergeben sollte, dürften als nächstes Güter aus der Europäischen Union mit Strafzöllen belegt werden. Trotz der bestehenden Abwärtsrisiken gibt es einige Gründe, die für Aktienmärkte sprechen, wie z. B. die relative Bewertung von Aktien zu Bonds. In der Eurozone rentiert mittlerweile fast die Hälfte von Staats- und Unternehmensanleihen im negativen Bereich. Auch die global synchron agierenden Notenbanken werden zumindest bis Jahresende die Aktienkurse unterstützen. Zu guter Letzt sind noch die umfangreichen Aktienrückkaufprogramme zu nennen, die vor allem in den USA auf Rekordniveau liegen. Der Langfristzusammenhang zeigt aber eine eindeutige Verbindung von Phasen eines rückläufigen BIP-Wachstums und negativer Performance von Aktienmärkten. Wenn es den globalen Aktienmärkten nicht bald gelingen sollte, auf den Pfad steigender Gewinnzuwächse zurückzukehren, dürfte es sehr schwer werden, die Kursentwicklung des ersten Halbjahres im zweiten Jahresabschnitt zu wiederholen. Notenbanken helfen nur bedingt, eine zunehmende Konjunkturdynamik hingegen schon.

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