Das Leben ist ein Auf und Ab, Schwankungen gehören zum Leben dazu. Und dieser Text würde auch nicht von einer Bank veröffentlicht werden, wenn nicht auch die Kapitalmärkte von diesen Schwankungen betroffen wären. Die sogenannte Volatilität, die statistische Kennzahl für Schwankungen rund um einen Wert, ist ein fester Bestandteil von Börsen. Viele Trader lieben Sie, viele (potenzielle) Anleger meiden wegen ihr die Börsen. Doch gerade für Prognosen eignet sich die Einschätzung der Volatilität – vor allem über Indizes. Wie diese Indizes Anlegern in Krisen Orientierung bieten und warum man sie Angstbarometer nennt, erklären wir Ihnen im folgenden Artikel.


 

Volatilität gibt es in allen Anlageklassen, in allen Industrien und in allen Regionen – sie kann unterschiedlich stark ausfallen und hat für Anleger ihr Für und Wider. Die Volatilität kann nicht nur an Einzeltiteln gemessen, sondern auch für ganze Indizes zusammengefasst werden. In Deutschland wird beispielsweise die Kursvolatilität der im DAX gelisteten Unternehmen über die Indizes VDAX und VDAX NEW gemessen. Rückwirkend kann man an ihnen ablesen, wie volatil Kurswerte in der Vergangenheit waren. Eine jedoch viel wichtigere Funktion dieser Volatilitätsindizes besteht darin, Prognosen über künftige Kursschwankungen zu geben. Basierend auf verschiedenen Berechnungsmethoden drücken die Indizes aus, wie stark künftige Kursschwankungen nach Ansicht der professionellen Marktteilnehmer am Terminmarkt ausfallen können. Damit sind die Indizes in der Lage, die Risikoneigung der Anleger zu ermitteln – wohl auch ein Grund, warum man sie Angstbarometer nennt. Um zu verstehen, wie Börsenindizes mit Schwankungen Angst messen können, gehen wir aber zunächst einen Schritt zurück.

Was meint denn eigentlich Volatilität

Volatilität ist eine statistische Kennzahl, die die Schwankungsbreite einer Zeit- oder Kursreihe abbildet. Sie ist dabei als ein Maß für die Schwankungsintensität eines Basiswerts definiert, etwa einer einzelnen Aktie oder auch eines Index. Bei einer Aktie beispielsweise kann dies die Intensität der Kursschwankungen sein. Hohe Volatilität in diesem Kontext meint eine große Schwankungsbreite in dem Aktienkurs. Eine Aktie mit geringer Volatilität ist hingegen deutlich schwankungsärmer.

Grundsätzlich lässt sich Volatilität in eine historische und eine implizite Volatilität unterscheiden. Am Beispiel einer Aktie wird deren historischer Volatilitätswert aus vergangenen Kurswerten berechnet. Der dafür zugrundeliegende Zeitraum umfasst zwischen 30 und 130 Tage. Dieser wird dann auf ein Jahr hochgerechnet. Die implizite Volatilität hingegen lässt Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen eines Titels zu. Zur Berechnung werden dafür die Preise von Optionen bzw. Optionsscheinen hinzugezogen.

Die Volatilität bietet in der Finanzwelt eine Orientierungshilfe bei der Risikoeinschätzung eines Basiswertes. Durch die mögliche Schwankungsbreite eines Kurses um einen Mittelwert lassen sich Risiken frühzeitig einschätzen. Titel mit hohen Kursausschlägen – sowohl nach unten als auch nach oben – bieten höhere Chancen auf einen großen Gewinn, bergen aber auch gleichzeitig die Gefahr einer Phase mit fallenden Kursen. Künftige Entwicklungen von Titeln in volatileren Anlageklassen sind entsprechend schwer prognostizierbar. Dazu zählen beispielsweise Aktienmärkte, die gerade gegenüber den Renten- oder Immobilienmärkten eine höhere Volatilität aufweisen. Demgegenüber stehen aber auch die Chancen kurzfristiger und höherer Renditen, die in dieser Anlageklasse erzielt werden können.

VDAX und VDAX NEW– Die deutschen Angstbarometer

Der in Deutschland wohl bekannteste Volatilitätsindex ist der VDAX-NEW. „NEW“ deshalb, weil er 2005 zum damals parallel existierenden VDAX eingeführt wurde. Die Unterschiede zwischen den beiden Indizes liegen in der Berechnungsmethode und in dem Betrachtungshorizont der Indizes. Mittelfristig soll der VDAX NEW den VDAX ersetzen.  Auf internationaler Ebene ist der VIX (der Chicago Board Options Exchange Market Volatility Index) der wohl bekannteste Volatilitätsindex. Seit 1993 existierend zeigt er die implizite Volatilität des US-amerikanischen Leitindex, dem S&P 500 Index an. Da für viele der S&P 500 als übergreifender Leitindikator für die Gesamtlage am Aktienmarkt gilt, kann auch der VIX als weltweites Fieberthermometer gesehen werden.

Für den deutschen Aktienmarkt haben VDAX und VDAX NEW gemein, dass sie die implizite, also vom Markt erwartete, Volatilität für den DAX und damit die Risikoneigung der Anleger messen. Dies hat ihnen den Namen Angstbarometer verschafft. Als Interpretationshilfe gilt dabei: Je niedriger der Wert des VDAX NEW, desto geringer ist die (künftige) Schwankungsbreite des DAX. Und umgekehrt: Je höher der VDAX NEW-Wert, desto größer ist die (künftige) Schwankungsbreite der DAX-Werte. Letzteres Szenario erfordert dann den Einbezug der gesamtwirtschaftlichen Situation: In euphorischen Phasen können starke Kursausschläge nach oben stattfinden. In kriselnden Phasen sind Kursausschläge nach unten möglich, die wiederrum ein hohes Verlustpotenzial zur Folge hätten. 

Langjährige Beobachter der Volatilitätsindizes haben einige Mechanismen identifiziert, die mit dem VDAX zusammenhängen: Sind die Werte für die Volatilität relativ oder historisch gesehen niedrig, steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Anstieg der Volatilität in der näheren Zukunft. Damit steigt entsprechend auch die Wahrscheinlichkeit für stärker schwankende und damit wiederum für tendenziell fallende Kurse. Extrem hohe Werte in den Volatilitätsindikatoren können dagegen den Beginn einer Phase sinkender Schwankungsbreite und damit potentiell steigender Kurse im DAX signalisieren. Die Aussagekraft niedriger VDAX-Stände als mögliche Vorboten für fallende Kurse sind jedoch valider und daher für Investmententscheidungen relevanter, als hohe Volatilitätsindex-Notierungen. Sichtbar werden diese Mechanismen im historischen Verlauf:

VDAX NEW- und DAX-Entwicklung seit 2004

Wenn an der Börse Panik herrscht und Kurse fallen, steigt die Volatilität. Anhand der oft sehr unterschätzten Volatilitätsindizes können Spannungen im Markt sichtbar gemacht werden. Viele Marktteilnehmer beziehen diese Stimmungsbarometer daher kontinuierlich in ihre Anlagestrategien ein. Mit dem Blick nach vorne spenden sie aber auch Hoffnung, denn nach kriselnden Phasen signalisieren sie auch Phasen der Besserung. Das Sinken des VDAX NEW ab April 2020 wirkt nach den durch das Coronavirus verursachten Unsicherheiten fast beruhigend. Eine Umbenennung in das „Hoffnungsbarometer“ hat aber trotzdem noch nicht stattgefunden.

Artikel teilen