Die Digitalisierung verändert unser Leben grundlegend. Davon betroffen sind alle Bereiche – auch die soziale Interaktion. Was früher hauptsächlich über den persönlichen Austausch lief, kann heute über eine Vielzahl unterschiedlichster Kommunikationskanäle erfolgen. Doch welche Folgen hat die Veränderung des Kommunikationsverhaltens für die Kommunikation und damit auch für unsere Kultur? Dazu haben wir mit Dr. Anna-Lisa Schwarz, Geschäftsführerin der Werte-Stiftung, gesprochen.

Frau Dr. Schwarz, welches sind die wichtigsten Werte im Berufsleben?

Im Rahmen der ersten Wertestudie der Werte-Stiftung und der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, die von der Hauck & Aufhäuser Kulturstiftung dankenswerterweise unterstützt wurde, wurden auf der Basis der Wertetheorie von Shalom Schwartz insgesamt 19 unterschiedliche Werte im beruflichen Kontext von Gründern und Sportlern untersucht.

Dabei zeigte sich, dass bei diesen beiden Zielgruppen insbesondere die Werte Leistung (das Streben nach Erfolg), Verantwortung (Streben nach dem Wohlergehen der Mitglieder einer Gruppe), Integrität (Befolgung von Regeln, Gesetzen und Pflichten), Tradition (Bewahrung von überlieferten kulturellen und familiären Handlungsmustern) und selbstbestimmtes Handeln (das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten) eine besondere Bedeutung hatten.

Die Arbeitswelt befindet sich nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Digitalisierung im stetigen Wandel, der unter anderem steigende Lernanforderungen, ein höheres Maß an Flexibilität und erweiterte Verantwortlichkeiten sowie Gestaltungsfähigkeit abverlangt. Diese Herausforderungen bieten aber auch für den Einzelnen die Chance, sich stärker im beruflichen Kontext verwirklichen zu können. In diesem Zusammenhang erscheint die Bedeutung der identifizierten Werte notwendig, um im sich verändernden beruflichen Umfeld etwas erreichen zu können und dafür auch einzustehen (Leistung, Verantwortung), gleichzeitig aber auch die eigene Individualität ausleben zu können (selbstbestimmtes Handeln) und sich dabei auf ein verlässliches Umfeld stützen zu können (Integrität, Tradition).

Wie verändern sich die Werte im Zeitalter des digitalen Wandels?

Der digitale Wandel ist einer der Haupttreiber des aktuellen gesellschaftlichen Wandels, der sich aber auch auf anderen Ebenen vollzieht bzw. diese beeinflusst. Beispielsweise beinhaltet auch der Wandel in der Arbeitswelt neben den unstrittig vorhandenen Chancen auch eine ganze Menge an Herausforderungen wie z. B. eine stetig steigende Leistungsdichte, ein wachsender Arbeitsdruck, eine erhöhte Unsicherheit oder dem Verschwimmen von Beruf und Privatem. Gleichzeitig hat in den letzten Jahren ein Wertewandel stattgefunden, ausgelöst im Wesentlichen durch die Digitalisierung und hier vor allem durch die omnipräsente Verfügbarkeit des Internets, des demografischen Wandels, des gestiegenen Wohlstands und der Globalisierung.

Arbeitnehmer wählen ihre Jobs zunehmend danach aus, ob ihre Werte mit denen des Arbeitgebers übereinstimmen. Neben der Unternehmenskultur und des Führungsverständnisses sind dabei v. a. Werte ausschlaggebend, die dem Bedürfnis der Angestellten entstammen, in jedem Aspekt ihres Lebens ihre Individualität zu zeigen. Sie wollen nicht mehr Teil von Fließbandarbeit sein, sondern etwas bewirken. Arbeitszufriedenheit lässt sich nicht mehr nur über das Gehalt oder einen großzügigen Bonus bestimmen, sondern durch kreative Eigenverantwortung, Selbstbestimmtheit und innere Werte. Gerade die Generation der Millennials bspw. zieht es vor, sowohl am Arbeitsplatz als auch zuhause dieselben Ausdrucksweisen zu zeigen, d. h. der berufliche und private Bereich gehen ineinander über, was sich im Wunsch nach informellen Regeln und flachen Hierarchien zeigt. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und erhöhte Freizeitoptionen haben enorm an Bedeutung gewonnen. Die erhöhte Flexibilität führt aber andererseits auch zu einer Entgrenzung der Lebenssphären, z. B. wenn berufliche Telefonate in den Feierabend oder in das Wochenende fallen.

In diesem Spannungsfeld eine ausgewogene Lösung für Arbeit 4.0 zu finden, wird eine der wichtigen Herausforderungen von Politik und Wirtschaft in den nächsten Jahren sein.

Welche Folgen wird dieser Wandel für unser Kommunikationsverhalten haben?

In der Kommunikation hat die Digitalisierung tiefe Spuren hinterlassen: Wir kommunizieren zunehmend digital, während gleichzeitig die Anzahl der verwendeten Kommunikationskanäle immer mehr zunimmt. Besonders mobile Geräte und die Verfügbarkeit des mobilen Internets haben dazu geführt, dass Menschen ständig und an jedem Ort über Video-, Audio- und Textkommunikationsverbindungen erreichbar sind.

Hierbei stellt sich die Frage, wie Werte durch technologische Entwicklungen unterstützt, erweitert oder beschränkt werden. Diese Fragestellung haben wir in der zweiten Studie aufgegriffen und mithilfe eines Experimentaldesigns geprüft.

Dabei konnte festgestellt werden, dass zwischen den getesteten Medien (Mail, Messenger, Audiobotschaft, Videobotschaft) teilweise gravierende Unterschiede existieren. Insbesondere über reichhaltige Medien, d.h. Medien, die einen hohen Persönlichkeitsgehalt aufweisen wie z.B. eine Videokonferenz, werden die Werte des Senders besonders gut übermittelt. Allerdings haben auch wenig reichhaltige Medien wie z. B. die E-Mail vor allem bei komplexeren Arbeitsaufträgen spezifische Vorteile.

Gleichzeitig konnte festgestellt werden, dass eine gelungene Wertewahrnehmung in der Kommunikation der Führungskraft zu einer höheren Arbeitszufriedenheit am Arbeitsplatz führt. Das weist deutlich darauf hin, dass auch bei der digitalen Kommunikation die Bedeutung einer wertorientierten Führung für ein positives Arbeitsklima einen prominenten Stellenwert haben sollte.

Vielen Dank für das Interview,  Frau Dr. Schwarz!


Mit Frau Dr. Schwarz sprach unser Stiftungsvorstand, Frau Karen Krämer.

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