Die deutsche Wirtschaft wächst nicht mehr. Im dritten Quartal 2018 schrumpfte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt leicht (um 0,2% gegenüber dem Vorquartal), im vierten Quartal war Stagnation angesagt. Die Ursachen hierfür liegen auf der Hand.

Autor

Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
Als Chief Investment Officer und Chefvolkswirt von Hauck & Aufhäuser analysiert und prognostiziert Burkhard Allgeier sowohl makroökonomische Entwicklungen als auch das Geschehen auf den internationalen Finanzmärkten.

Die Probleme in der deutschen Automobilindustrie, wo mit der Umstellung auf neue Emissionsmessverfahren die Produktion vorübergehend abgesenkt worden ist, sowie die Unsicherheiten rund um den Brexit und den Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt sind belastend. All das reichte aus, um die Konjunktur in Deutschland zum Stillstand zu bringen. Gelingt die Rückkehr auf den Wachstumspfad oder hat die nächste Rezession bereits angeklopft?

Ein Ausrutscher – so der Mainstream

Die Auftragseingänge liegen aktuell fast 5% niedriger als vor einem Jahr. In der Großen Rezession 2008/09 brachen die Aufträge um satte 30% ein. Wenige Jahre später, im Zuge der Euro-Staatsschuldenkrise 2011/12, ebenfalls „nur“ in den jetzigen Größenordnungen. Und auch nach dem Platzen der Technologieblase Anfang des Jahrtausends gingen die Aufträge nicht stärker als heute zurück. Ob die deutsche Wirtschaft die Delle schnell wieder überwinden kann, hängt nicht zuletzt von den eingangs genannten Unsicherheitsfaktoren – Brexit und Handelskonflikt – ab. Entspannungssignale in diesen Feldern dürften sich schnell in mehr Zuversicht niederschlagen. Anzeichen von Eskalation jedoch in das Gegenteil. Insofern wäre ein Abgleiten der deutschen Konjunktur in die (technische) Rezession – zwei aufeinanderfolgende Quartale mit einem BIP-Rückgang – keine Überraschung mehr. Sie wäre sozusagen außenwirtschaftlich bedingt.

Die Inlandsnachfrage ist hingegen unverändert das konjunkturelle Zugpferd. Auf die inländische Wirtschaft ausgerichtete Sektoren wie der Einzelhandel oder das Baugewerbe präsentieren sich nach wie vor sehr robust. Der private Konsum hat 2018 zur BIP-Wachstumsrate von 1,5% immerhin 0,5%-Punkte beigetragen, der Staatskonsum 0,2%-Punkte, Ausrüstungs- und Bauinvestitionen jeweils 0,3%-Punkte. Der Außenbeitrag (Nettoexport) trug leicht negativ dazu bei (-0,2%-Punkte), die Lagerhaltung kam auf einen positiven Wachstumsbeitrag von vier Zehnteln. Gängige Meinung unter den Ökonomen ist, dass die Inlandskonjunktur auch im laufenden Jahr kraftvoll bleiben wird. Die Voraussetzungen dafür sind auf den ersten Blick gut. Das Beschäftigungsniveau ist und bleibt wohl hoch, die Realeinkommen legen leicht zu und die Finanzierungsbedingungen bleiben günstig.

FINANZMARKTSTRESS UND KONJUNKTUR

ifo-Geschäftserwartungen

Quelle: Thomson Reuters Datastream

VDAX-NEW

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Konjunkturzyklen werden getrieben von Erwartungen

Bei alledem darf aber nicht vergessen werden, dass jeder wirtschaftliche Auf- wie Abschwung erwartungsgetrieben ist. Insofern kann man von einem psychologischen Konjunkturzyklus sprechen. Eine Rezession wird trotz schlechten Umfeldes dadurch beendet, dass Konsumenten und Produzenten positive Zukunftserwartungen hegen. Ein Boom endet dann, wenn – aus welchen vielfältigen Gründen auch immer –  Skepsis und Pessimismus zu überwiegen beginnen. Den Brexit und den transatlantischen Handelskonflikt hatten wir als Pessimismusquellen bereits erwähnt. Dieser „psychologische“ Konjunkturzyklus wird aktuell durch weitere Elemente gespeist. Zum einen durch populistische Strömungen, die – sofern sie sich durchsetzen – langfristiger Natur sein können und potentiell unterschätzt werden.

„Millennial Socialism“

Möglicherweise bahnt sich schleichend und unbemerkt eine neue Ära an: War es in den 80er-Jahren eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, losgetreten von Thatcher in England und Reagan in den USA, sieht es heute nach einer Abkehr von der Globalisierung aus. Mehr noch: Sozialistisches Gedankengut erlebt eine neue Vitalität – die Zeitschrift „The Economist“ spricht bereits von „millennial socialism“. 51% der US-Amerikaner zwischen 18-29 Jahren sehen sozialistische Ideen laut Gallup eher positiv; etwa ein Drittel der französischen Wähler unter 24 Jahren gab bei der Präsidentenwahl 2017 ihre Stimme dem (ultra-) linken Spektrum. Sozialpolitische Wohltaten verspricht auch die italienische Regierung. Die Reaktion der Finanzmärkte mit steigenden Risikoprämien für italienische Staatsschuldtitel war die logische Folge. Der psychologische Zyklus wird offensichtlicher durch den puren Blick auf die Finanzmärkte, beeinflusst er doch die Konjunktur immer öfter und immer stärker. Die letzten Rezessionen hatten allesamt ihren Ursprung im Finanzmarkt (Subprime-Krise oder geplatzte Technologie-Blase). Die Volatilität an den Finanzmärkten hat in den letzten Monaten wieder zugenommen – sowohl aus den genannten, eher politischen Faktoren, aber auch, weil Zweifel über die Gewinnaussichten der Unternehmen aufgekommen sind.

Rezessives Gemisch

Schnell kann daraus ein – mit Blick auf die Konjunktur – rezessives Gemisch werden: Gehen die Schwankungen mit fallenden Aktienkursen und steigenden Kreditrisikoprämien einher, fallen in der Regel danach umfragebasierte Konjunkturindikatoren. Konsum- und Produktionspläne werden dann tatsächlich eingeschränkt. Gewinnenttäuschungen können rasch die Aktienmärkte nach unten drücken und die Stimmungsindikatoren in der Industrie, im Dienstleistungssektor und bei den Verbrauchern mit nach unten ziehen. Allein diese Aufzählung zeigt, dass die deutsche (wie übrigens die globale) Konjunktur einer Reihe von Risiken ausgesetzt ist. Erfahrungsgemäß hilft die Politik erst, wenn die Rezession bereits da ist. Die Prognosegüte von Ökonomen hinsichtlich des Eintritts von Rezessionen ist bekanntermaßen bescheiden. Für Ökonomen und Kapitalmarktakteure ist in diesem Jahr seismographisches Gespür erforderlich.

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