Der Klimawandel schreitet voran. Um irreparable Schäden für die Umwelt, die Gesellschaft und die gesamte Menschheit noch zu verhindern, müssen wir uns hin zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft bewegen. Das aber wird zu einer massiven Neubewertung von Kohlekonzernen sowie Öl- und Gasunternehmen führen.

Es geht um vier Billionen Dollar. Um eine Zahl mit zwölf Nullen. Vielleicht auch mehr, aber das ist die Schätzung der Experten der britischen Denkfabrik Cambridge Econometrics. Dieser Betrag könnte in den kommenden Jahren von den Bilanzen der Unternehmen aus dem Bereich der fossilen Energieträger verschwinden. Das ist weit mehr als die gesamte deutsche Wirtschaft in einem Jahr produziert.

Der Gedanke hinter diesen sogenannten „Stranded Assets“, also verlorenen Vermögenswerten, ist ein recht einfacher: Die Konzerne, die Kohle, Öl und Gas fördern, werden nicht nur auf Basis ihres aktuellen Geschäfts bewertet, sondern auch danach, wie viele Reserven des jeweiligen Rohstoffs sie noch im Boden haben. Der Haken daran: Würden alle diese Reserven auch tatsächlich gefördert und verbraucht werden, dann dürfte sich die Erde deutlich stärker erwärmen als die zwei Grad Celsius, auf die sich die internationale Staatengemeinschaft bei dem Weltklimagipfel in Paris im Jahr 2015 geeinigt hat. Manche Schätzungen gehen von sechs Grad aus.

Klimakiller Kohle

Um die Erwärmung einzudämmen, müssen wir aber den Ausstoß von Kohlendioxid einschränken. Das betrifft zwar alle fossilen Energieträger, ganz besonders aber Kohle. Berechnungen des Umweltbundesamtes zufolge werden bei der Herstellung einer Kilowattstunde Strom mit diesem Energieträger 1.150 Gramm CO2 freigesetzt. Bei Steinkohle fallen immerhin noch 900 Gramm an, bei Erdgas sind es gerade einmal 370 Gramm. Allerdings spielt Kohle weltweit betrachtet noch immer eine sehr wichtige Rolle bei der Stromerzeugung.

Laut dem World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur hatte Kohle im Jahr 2017 einen  Anteil von rund 38 Prozent am globalen Energiemix. Kernenergie machte rund zehn Prozent, das emissionsärmere Erdgas 23,2 Prozent und erneuerbare Energien kamen schließlich auf 24,3 Prozent. Damit haben regenerative Energien zwar massiv an Anteil dazu gewonnen, doch reicht das nicht aus. Laut Berechnungen des UCL Institute for Sustainable Resources müssten die kumulativen CO2-Emissionen auf rund 1.100 Gigatonnen zwischen 2011 und 2050 begrenzt werden, um eine 50-prozentige Chance zu haben, die Erwärmung der Erde auf zwei Grad zu begrenzen.

Nur noch 20 Prozent der Kohlereserven dürfen genutzt werden

Und damit, so deren Berechnung weiter, müsste über 80 Prozent der Kohlereserven unter der Erde bleiben, dürften also nicht genutzt werden. Bei Öl wäre davon rund ein Drittel betroffen, bei den Gasreserven schließlich etwa die Hälfte. Aber nicht nur das: Dazu kommen Investitionen in fossile Kraftwerke und Infrastruktur, die ebenfalls wertlos verfallen können. Experten sprechen hier deshalb von „Stranded Assets“, von Vermögenswerten der betroffenen Unternehmen, die eigentlich wertlos sind. Und das wiederum bedeutet, dass die entsprechenden Kohle-, Öl- und Gasunternehmen neu bewertet werden müssen. Insgesamt, so die Schätzung Cambridge Econometrics, sollen es etwa vier Billionen Dollar sein, die im Feuer stehen. Andere Schätzungen liegen übrigens noch ein gutes Stück darüber.

Doch egal wie hoch die exakte Summe auch ist, die derzeitigen Bewertungen von Kohlekonzernen insbesondere, aber auch von Öl- oder Gasunternehmen, dürften zu hoch sein. Marktbeobachter sprechen hier auch von einer Carbon-Bubble, also einer Preisblase im Kohlenstoffbereich. Und aus dieser Blase wird über kurz oder lang die Luft entweichen. Dass dieser Prozess kaum aufzuhalten sein wird, liegt übrigens auch daran, dass sich immer mehr Investoren weltweit der globalen Divestment-Bewegung, also dem Ausstieg aus dem Bereich der fossilen Brennstoffe, verschreiben. Laut der Website www.divestinvest.org haben sich dazu inzwischen mehr als 1.000 Organisationen und fast 60.000 Einzelpersonen bekannt, die zusammen auf ein verwaltetes Vermögen von acht Billionen Dollar kommen.

Anleger sollten Portfolios genau durchforsten

Welche Auswirkungen dies haben kann, zeigt ein Blick auf den S&P Coal Index, der die Entwicklung der Kohleunternehmen aus dem US-Leitindex des S&P 500 abbildet. Der Subindex hat auf Sicht von fünf Jahren rund 60 Prozent an Wert verloren, während der Mutterindex in diesem Zeitraum mit fast 50 Prozent im Plus liegt. Deshalb ist es für Investoren so wichtig, ihre Investments einer gründlichen Analyse zu unterziehen, um festzustellen, ob sich dort ernstzunehmende Kohlenstoffrisiken befinden. Insbesondere, wer breit gestreut über Indizes investiert, weiß vermutlich nicht, was alles in seinem Portfolio tatsächlich enthalten ist.

Zwar gehen manche Unternehmen aus dem Bereich der fossilen Energieträger dazu über, ihr Geschäft auf die Zukunft auszurichten, zum Beispiel durch den Aufbau eines Bereichs für alternative Energien. Doch sollten Investoren sehr genau analysieren, wie ernsthaft dies geschieht und ob überhaupt Aussicht auf Erfolg besteht. Dabei ist der Blick in das Aktienportfolio aber nur der erste Schritt. Auch das Anleiheportfolio muss kritisch unter die Lupe genommen werden.

So gibt es auch zahlreiche Staaten, die stark von ihren Exporten fossiler Energieträger abhängig sind. Haben solche Staaten kein auf die Zukunft gerichtetes, nachhaltiges Geschäftsmodell, dann könnte sich dies langfristig auch negativ in deren Währung und Bonität niederschlagen. Beides kann deren Staatsanleihen massiv unter Druck bringen. Anleger tun also gut daran, ihr Portfolio auf Herz und Nieren zu prüfen – um ein böses Erwachen und überraschende Verluste und zu vermeiden.

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