Am 29. März ist es soweit – aber für was genau? Nachdem noch immer keine Einigung zwischen der Europäischen Union und der britischen Regierung zu den Modalitäten des Brexit existiert, gibt es verschiedene Szenarien – im härtesten Fall wird es zu einem Austritt Großbritanniens ohne Deal kommen.

Hart heißt: Austritt aus der EU plus Austritt aus dem EU-Binnenmarkt. Weich wäre der Brexit, wenn das Vereinigte Königreich im Binnenmarkt verbleiben würde. Wir haben für Sie zusammengefasst, auf was sich (reisende) EU-Bürger einstellen sollten.

Brexit Showdown: Welche Szenarien sind denkbar?

Viele offene Fragen und große Ungewissheit herrschen derzeit rund um einen möglicherweise bevorstehenden „harten Brexit“. In jedem Fall ist es sinnvoll, bereits vor der Buchung mögliche Szenarien zu kennen. Zwar hat die EU-Kommission einen Notfallplan vorbereitet, der Chaos insbesondere im Flugverkehr verhindern soll. Grundsätzlich ist derzeit dennoch davon abzuraten, Flugreisen nach dem 29. März 2019 nach Großbritannien oder mit Umstieg in Großbritannien zu buchen, wenn sie nicht zwingend erforderlich sind. Warum? Weil ein „harter“ Brexit folgende Auswirkungen auf Reisen haben kann.

Auswirkungen auf Reisen nach Großbritannien

Kosten

Die Nebenkosten eines Großbritannien-Urlaubs würden deutlich günstiger werden, wenn das Pfund gegenüber dem Euro aufgrund des Brexits an Wert verliert. Doch der Weg auf die Insel könnte bedeutend im Preis ansteigen – insbesondere bei Flugreisen: Durch die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens waren die Flughafengebühren stark gesunken – abzulesen am Erfolg der Billigfluggesellschaften. Die Gebühren wurden zuvor durch die Wettbewerbsaufsicht der EU gedrückt, die künftig an britischen Flughäfen nichts mehr entscheiden darf. Höhere Entgelte der Airports werden die Fluggesellschaften an ihre Kunden weitergeben müssen, weshalb für das Ticket nach dem Austritt wohl mehr zu bezahlen sein wird.

Flugreisen

Fehlende Verkehrsrechte, Betriebsgenehmigungen oder Flugsicherheitsbescheinigungen können zu erheblichen Ausfällen und Verzögerungen bei Flugreisen aus dem und in das Vereinigte Königreich führen. Bei der Buchung von Langstreckenflügen sollte man auf einen Zwischenstopp in Großbritannien verzichten. Hier einige weitere Tipps:

  • Es sollten idealerweise Airlines bevorzugt werden, die eine EU-Betriebsgenehmigung besitzen. Denn die EU-Fluggastrechteverordnung gilt bei einem „harten Brexit“ ab dem Austrittsdatum nicht mehr für Fluggäste, die von dem Vereinigten Königreich einen Flug in ein EU-Land antreten – es sei denn, die Airline ist ein Luftfahrtunternehmen der EU, wofür unter anderem die Betriebsgenehmigung ausschlaggebend ist. Nach derzeitigem Stand dürfen Fluggesellschaften aus Großbritannien nach dem Brexit ohne ein entsprechendes Abkommen weder in der EU landen noch Flüge zwischen einzelnen EU-Staaten anbieten. Einzelne Fluglinien haben hier bereits gehandelt und ihren Flugbetrieb abgesichert, indem sie ihre Flüge von und nach Großbritannien deutlich reduziert und Tochtergesellschaften in der EU gegründet haben. Zudem gilt die Fluggastrechteverordnung ab dem Austrittsdatum nicht mehr für Flüge mit Airlines von Drittstaaten, die aus dem Vereinigten Königreich in die EU fliegen.
  • In einigen Airline-AGBs werden sich für den Sommerflugplan „Brexit-Klauseln“ für den Fall der Stornierung oder Annullierung des Fluges finden. Bei kurzfristigen Stornierungen kann der Passagier dann bei einer Fluglinie aus einem Drittstaat keine zusätzliche Entschädigung nach der EU-VO 261/2004 geltend machen.
  • Einreise: Dass Urlauber künftig ein Visum brauchen, ist sehr unwahrscheinlich. Schon jetzt erfragen die britischen Behörden vor dem Abflug von allen Einreisenden die Passdaten. Es ist denkbar, dass Reisende aus der EU künftig wie solche aus außereuropäischen Ländern vor der Einreise sogenannte Landing Cards ausfüllen müssen. Darin enthalten sind persönliche Angaben wie Name, Beruf, Nationalität und die Länge des Aufenthalts. Gleichzeitig gibt es aber in Großbritannien ohnehin Pläne, diese Landing Cards in absehbarer Zeit gegen ein digitales System zu tauschen.

Reisen mit der Fähre oder dem Zug

Die britischen Fährunternehmen sowie die Betreiber des Eurotunnels sind zuversichtlich, dass Reisende kaum etwas von einem möglichen harten Brexit merken werden. Da das Vereinigte Königreich nie Teil der Schengen-Zone war, gab es an der britischen Grenze schon immer Passkontrollen. Zudem ist und bleibt der Eurotunnel ein britisch-französisches Gemeinschaftsunternehmen, weshalb beide Seiten daran interessiert sein sollten, den Grenzübertritt so einfach wie möglich zu gestalten.

Auswirkungen auf Alltägliches

Nicht nur die Einreise selbst kann je nach Entwicklung des Brexits massiv beeinträchtigt werden. Auch alltägliche Dinge,  die uns heute selbstverständlich erscheinen, werden sich künftig anders gestalten – beispielsweise die Einfuhr von Waren, die medizinische Versorgung oder das mobile Internet.

Einfuhr von Waren

Der regelmäßige Whiskey-Bezug aus Schottland, Tee aus England oder Medikamente von britischen Firmen können in Zukunft deutlich teurer werden. Denn mit einem „harten Brexit“ würden alle Produkte, die aus Großbritannien nach Kontinentaleuropa exportiert werden, künftig mit Zöllen belegt werden. Nur ein Freihandelsabkommen mit der EU könnte das verhindern. Bislang gelten bei der Ein- und Ausreise aus Großbritannien für Waren des persönlichen Gebrauchs, wie überall innerhalb der EU, großzügige Freimengen – dazu zählen beispielsweise 800 Zigaretten, 110 Liter Bier und 90 Liter Wein. Es gilt als ausgeschlossen, dass dies auch nach dem Brexit der Fall ist. Im Falle eines harten Brexits gibt es weder eine Übergangszeit noch ein Freihandelsabkommen. Das heißt, es werden Drittlandzölle fällig, wie sie auch für Waren aus den USA oder China gelten – für Autos, T-Shirts oder Lebensmittel könnten diese zwischen zehn und 45 Prozent des Kaufpreises ausmachen.

Medizinische Versorgung

EU-Bürger sollten beachten, dass die medizinische Versorgung im Vereinigten Königreich nach einem „harten Brexit“ nicht kostenlos bleibt. Bleibt das Vereinigte Königreich nach dem Brexit ein Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), sollte die Europäische Krankenversicherungskarte auch weiterhin akzeptiert werden. Bei einem harten Brexit wäre die EHIC nicht mehr gültig. Vor dem Reiseantritt sollten Sie Erstattungsmöglichkeiten prüfen oder eine Reisekrankenversicherung abschließen.

Führerschein und Versicherungsschutz

Reisende sollten sich vorab erkundigen, ob ein internationaler Führerschein für einen Mietwagen in England notwendig ist. Bei einer Reise mit dem eigenen Auto ist eine Nachfrage über den Versicherungsschutz im Drittland beim Versicherer sinnvoll.

Roaming

Reisende in das Vereinigte Königreich können nach dem Brexit nicht mehr vom EU-Roaming profitieren und sollten daher die anfallenden Kosten der Mobilfunkanbieter für Telefonate und mobiles Internet beachten.

Haustiere

Der EU-Heimtierausweis ist nach einem „harten Brexit“ vermutlich nicht mehr gültig. Somit könnten zusätzliche veterinärmedizinische Dokumente notwendig sein.

Auswirkungen auf Geldanlagen und Zahlungsverkehr

Der Brexit lässt massive Währungs-Schwankungen des Britischen Pfund erwarten. Das wirkt sich auf Geldanlagen sowie Zahlungen von und nach Großbritannien aus – zum Beispiel auf Pensionszahlungen oder das Schulgeld für Kinder, die eine britische Schule besuchen.

Geldanlagen in Pfund

Geldanlagen, die in Pfund getätigt wurden, können kurzfristig sehr stark schwanken. Die langfristige Wirkung kann heute nicht vorhergesagt werden. Wer Geld in Pfund angelegt hat und das Geld nicht kurzfristig benötigt, kann die Entwicklung daher abwarten. Denn bei einem übereilten Verkauf kann man wegen des fallenden Kurses des britischen Pfunds Verluste machen.

Darlehen in Pfund

Wer ein Darlehen in Pfund aufgenommen hat, kann unter Umständen Gewinn machen. Denn zu zahlenden Raten werden aufgrund eines gestiegenen Euro preiswerter. Darlehen in fremder Währung gelten aber ohnehin als mit einem sehr hohen Risiko verbunden: Schon relativ geringe Änderungen im Wechselkurs haben große Auswirkungen auf die Rendite einer Geldanlage beziehungsweise die Kosten eines Darlehens. Der Hintergrund: Auch bei Währungen gilt grundsätzlich das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Wenn weniger Haushalte, Unternehmen und Staaten den Euro oder das Pfund nachfragen, sinkt der Preis.

Spareinlagen bei britischen Banken

Liegt Ihr Erspartes bei britischen Banken, ändert der Brexit zunächst nichts an der Einlagensicherung. Sie haben auch dann weiterhin einen Anspruch nach europäischem Standard, solange die Briten keine anderweitigen Regelungen treffen. Bis auf weiteres sind auf diesem Wege also schon 75.000 Pfund pro Kunde abgesichert. Dies entspricht jedoch – wegen ungünstiger Wechselkurse – nicht ganz der von der EU vorgegebenen Absicherung von 100.000 Euro. Einige britische Banken sind aber auch Mitglieder im Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes. Dabei handelt es sich um eine freiwillige Sicherungseinrichtung, die im Falle einer Pleite noch deutlich höhere Beträge absichert. Diese Einlagensicherung ist dafür angelegt, im Falle der Pleite eines einzelnen Instituts das Guthaben der Sparer zu schützen. Theoretisch ist es durchaus möglich, dass in Großbritannien nach dem Brexit andere Sicherheitsregeln als von der EU gefordert eingeführt werden. Ob dies in der Praxis geplant ist oder gar umgesetzt wird, ist heute nicht absehbar und würde höchstwahrscheinlich viele Monate dauern.

Zahlungen

  • Bargeld: Der Brexit könnte den Kapitalverkehr stark beeinflussen, vor allem den Bargeldverkehr in und aus Großbritannien. So könnte es künftig Beschränkungen für Zahlungen mit Bargeld geben, sogenannte Bargeldobergrenzen. Oder die Vorschriften zur Anmeldung von Bargeld bei der Ein- und Ausreise könnten sich ändern.
  • SEPA-Zahlungen ins Ausland: SEPA ist die Abkürzung für Single European Payment Area, zu Deutsch: Einheitlicher Europäischer Zahlungsverkehrsraum – ein System, das zum Ziel hat, grenzüberschreitende Überweisungen und Abbuchungen für Verbraucher zu vereinfachen. SEPA beschränkt sich aber nicht nur auf Euro-Länder, sondern geht weit darüber hinaus. In Ländern außerhalb der Euro-Zone arbeitet das SEPA-System mit nationalen Zahlungssystemen zusammen. Mit Großbritannien besteht ebenfalls eine solche Zusammenarbeit. Auch hier bleiben die Brexit-Verhandlungen abzuwarten. Allerdings erscheint ein Austritt Großbritanniens aus dem gemeinsamen Zahlungssystem eher unwahrscheinlich, da dies den Handel mit den EU-Mitgliedstaaten massiv erschweren würde.

Auswirkungen auf längere Aufenthalte in Großbritannien

Ihre Kinder möchten eine Au-Pair-Tätigkeit in UK aufnehmen, ein Auslandssemester absolvieren oder gar eine Vollzeitbeschäftigung in Großbritannien antreten? Dann sollten sie sich frühzeitig über Auswirkungen des Brexit auf den Aufenthalt informieren.

Studium

Momentan zahlen Studenten aus EU-Ländern in UK genau so viel wie britische Studenten, nämlich die „home fees“. Studierende aus Nicht-EU-Ländern müssen dagegen die weitaus höheren „overseas fees“ berappen. Beispiel Oxford: Pro Studienjahr zahlen Briten und EU-Bürger rund 9.000 Pfund, Nicht-EU-Bürger hingegen durchschnittlich 30.000 Pfund. Wie viel Studenten aus Deutschland und anderen EU-Ländern in Zukunft zahlen müssen, hängt davon ab, wie London die Studiengebühren nach dem EU-Austritt gestalten wird. Im ungünstigsten Fall werden künftig auch für Studenten aus der EU die hohen „overseas fees“ fällig.

Studentenaustausch

Ob Studentenaustauschprogramme wie Erasmus in Großbritannien weiter gelten werden, bleibt offen. Vereinzelt sind diese auch mit Nicht-EU-Staaten möglich. Falls es nicht dazu kommt, wird ein Auslandssemester in UK in Zukunft ebenfalls kostspielig.

Touristen-Visum

Bei einem harten Brexit würden die europäischen Grundfreiheiten nicht mehr gelten. Das würde bedeuten, dass EU-Bürger nicht mehr berechtigt wären, dort zu leben und zu arbeiten. Es ist aber kaum zu erwarten, dass die britische Regierung eine allgemeine Visumspflicht einführt. Denn damit würde sie starke negative Auswirkungen auf den Tourismus riskieren.

Arbeits-Visum

Wer als EU-Bürger in Großbritannien arbeiten will, wird wohl ein Visum brauchen. Derzeit leben mehrere Millionen EU-Ausländer im Vereinigten Königreich. Bisher ermöglicht ihnen die EU die Freizügigkeit, dort zu wohnen und zu arbeiten. Nach dem EU-Austritt der Briten wird es darauf ankommen, ob das Land weiterhin zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gehört oder nicht. Wenn ja, dürfen Arbeitnehmer weiter in Großbritannien tätig sein. Im Falle eines harten Brexit würden EU-Bürger im schlimmsten Falle künftig so behandelt werden wie Personen aus Nicht-EU-Staaten, die nur dann eine Arbeitserlaubnis erhalten, wenn sie hochqualifiziert sind und einen relativ hohen Verdienst nachweisen können.

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