Der gestrige Tag an den Aktienmärkten schloss mit kräftigen Verlusten. Sie betrugen bis zu über 4%, wie etwa beim NASDAQ 100 (Stand 22:15 Uhr). Der Dax beendete den Handelstag bei gut 11.700 Punkten, rutschte nachbörslich sogar noch weiter ab – und notierte vorbörslich bei knapp 11.600 Punkten (Stand 08:15 Uhr). Das sind 2.000 Punkte weniger als Ende Januar diesen Jahres.

Autor

Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
Als Chief Investment Officer und Chefvolkswirt von Hauck & Aufhäuser analysiert und prognostiziert Burkhard Allgeier sowohl makroökonomische Entwicklungen als auch das Geschehen auf den internationalen Finanzmärkten.

Was steckte – vermutlich  – dahinter?

Verschiedene Ursachen wurden angeführt. Zum einen wurde auf die etwas geringeren Wachstumsprognosen des IWF abgestellt, zum anderen auf mögliche Gewinnenttäuschungen der Tech-Unternehmen in der bevorstehenden Earnings-Season und obendrein warnte LVMH davor, dass sich ihre Umsätze in China schwächer als erwartet entwickeln könnten.

Der erste Punkt – die um 0,2%-Punkte gesenkte Wachstumsprognose des IWF für das globale Wirtschaftswachstum in 2019 von 3,9% auf nun 3,7% – ist nicht wirklich ein materielles Ereignis. Die konjunkturellen Probleme in den Schwellenländern und die leichte wirtschaftliche Abkühlung in Europa sind hinreichend bekannt. Auch die etwas schwächere Konjunktur in China ist kein neuer Fakt, schärft aber das Bewusstsein für die wirtschaftliche Bedeutung Chinas – die Finanzmärkte mit eingeschlossen. Die Erwartung von Gewinnzielverfehlungen wichtiger Technologieunternehmen (und in deren Gefolge möglicherweise anderer Gesellschaften) träfe – so sie denn eintritt – die Märkte ins Mark. Die Investmentbank Barclays äußerte sich offensichtlich gestern recht gemischt zu den in Kürze vorliegenden Ergebnisberichten von Apple, Amazon, Alphabet & Co. Die Kursreaktion erfolgte – wie der gestrige Tag zeigte – prompt, die Anpassungsgeschwindigkeit der Märkte war wieder einmal enorm.

Was die wirtschaftlichen Aussichten der Volkswirtschaften in den Industrieländern anbetrifft, haben wir auf Basis der vorliegenden Indikatoren hohe Konfidenz, dass die Konjunktur ihre Dynamik mehr oder weniger beibehält. Was die politischen Entwicklungen in den genannten Fällen anbetrifft, hoffen wir auf den Sieg der Vernunft.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer

Wie reagieren wir nun?

Es ist immer dieselbe Frage, die nach heftigeren Kursabstürzen gestellt wird: Schon kaufen oder noch verkaufen? Diese Frage haben wir uns in den letzten Wochen selbst des Öfteren gestellt. Für beide Optionen gab es und gibt es Argumente. Gegen Absenkungen der Aktienquoten spricht, dass die Gewinnschätzungen für die nächsten 12 Monate bei rund 8% für Europa liegen und fünf bis sechs Prozentpunkte höher für den US-Markt, jeweils mit großer sektoraler Streuung. Selbst wenn die berichteten Gewinne etwas niedriger ausfallen sollten als die erwarteten, wäre man von einer Gewinnrezession noch weit entfernt. Auch die Bewertungen der Aktienmärkte haben sich zuletzt – und erst recht seit gestern – reduziert. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für den DAX beispielsweise liegt mit 12 gestern und wohl 11 heute markant niedriger als zu Jahresbeginn und damit auf dem Niveau nach dem Brexit-Votum im Juni 2016. Für Verkäufe spräche weniger die Unsicherheit über die tatsächlichen Steigerungen der künftigen Gewinne, eher die Unsicherheit über politische Entwicklungen und deren ökonomische Folgen: Eskaliert der Handelsstreit? Wird ein harter Brexit Realität? Lebt die Euro-Krise wieder auf? Zwingen steigende US-Zinsen Konjunktur und Märkte in die Knie? Die ersten drei Fragen sind komplex, ergebnisoffen und schwer zu beantworten. Höhere und moderat steigende US-Zinsen wie wir es heute erleben, waren jedoch in der Vergangenheit selten und nur kurzzeitig eine Aktienmarktbelastung; die besten Erträge lieferte der S&P 500 im Übrigen in Situationen mit einer flachen Zinskurve wie heute.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage – Kauf oder Verkauf – ist letztlich binär, ein „Sowohl-als-Auch“ gibt es nicht. Was die wirtschaftlichen Aussichten der Volkswirtschaften in den Industrieländern anbetrifft, haben wir auf Basis der vorliegenden Indikatoren hohe Konfidenz, dass die Konjunktur ihre Dynamik mehr oder weniger beibehält. Was die politischen Entwicklungen in den genannten Fällen anbetrifft, hoffen wir auf den Sieg der Vernunft. Wir haben uns daher entschieden, in der jetzigen Situation die Aktienquoten nicht zu verringern. Wir werden die Ergebnisse der nun beginnenden Q3-Earnings Season analysieren und bewerten. Das wird mehr Klarheit bringen über die aktuelle und die zu erwartende Gewinnlage der Unternehmen. Sollte die Gewinnberichterstattung im Ergebnis und in unserer Interpretation positiv ausfallen, würden wir aus heutiger Sicht geneigt sein, die Aktienquoten erhöhen. Sollte sie negativ zu werten sein, würden die Aktienquoten verringert und/oder die regionalen Gewichtungen verändert werden. Unsere Erwartungen über die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen werden in diese Entscheidungen mit einfließen. Hektische Aktionen nach Tagen wie gestern sind unseres Erachtens zu vermeiden! Auch Anfang des Jahres, als Inflations- und Zinssorgen in den USA und der beginnende Handelsstreit die Aktienkurse drückten, wich die Panik letztlich der Zuversicht. Insofern ist trotz aller berechtigter Besorgnis über die aktuelle Marktsituation Geduld gefragt.

Unabhängig davon gilt für uns im Rahmen der Aktienselektion die strikte Besinnung auf unseren Investmentansatz, – Quality at Reasonable Price – permanent und in allen Marktphasen einzuhalten. Dort, wo wir keine Qualität gemäß unseren Ansprüchen erkennen, trennen wir uns von Aktien rigoros, unabhängig davon, ob der Gesamtmarkt steigt oder fällt.

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