Krebs gehört ohne Zweifel zu den Geißeln der Menschheit. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO könnten bis 2025 jährlich rund 20 Millionen Menschen an einer Form von Krebs erkranken und 13 Millionen an der Krankheit sterben. Dies impliziert in beiden Fällen in den kommenden Jahren hohe, prozentual zweistellige Wachstumsraten. Die Unternehmen aus der Pharmabranche forschen fieberhaft nach Lösungen.

Autor

Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
Als Chief Investment Officer und Chefvolkswirt von Hauck & Aufhäuser analysiert und prognostiziert Burkhard Allgeier sowohl makroökonomische Entwicklungen als auch das Geschehen auf den internationalen Finanzmärkten.

Bislang zählen zu den Behandlungsmethoden von Krebs die Operation, die Chemotherapie (Verabreichung von Zytostatika, also Zellgiften, welche die Zellen zum Absterben bringen bzw. ihr Wachstum hemmen) und die Strahlentherapie (Zerstörung der Krebszellen mithilfe ionisierender Strahlung). Oft gehen diese Behandlungsmethoden mit hohen Nebenwirkungen einher.

Neben der Auslöschung auch gesunder Zellen stellt das Streuen von Krebszellen eine schwer zu überwindende Gefahr dar. Daher hat in den zurückliegenden Jahren ein Umdenken bei der Behandlung eingesetzt. Dabei kommt dem körpereigenen Immunsystem eine wichtige Rolle zu.

Die Immuntherapie

Bei dieser Therapieform kommen sogenannte Immun-Checkpoint-Inhibitoren zum Einsatz. Die Idee dahinter: Im Normalfall wird bei Befall von Fremdkörpern im Organismus das Immunsystem hochreguliert, um diese zu bekämpfen. Ist diese Aufgabe beendet, wird das Immunsystem wieder heruntergefahren. Ansonsten würde es überschießen und gesunde Zellen angreifen. Aktiviert wird das Immunsystem durch die zu den weißen Blutkörperchen gehörenden T-Zellen, die auch Eindringlinge direkt vernichten können. Diese T-Zellen werden von Erkennungsstrukturen, auch Rezeptoren oder Checkpoints genannt, gesteuert. Diese Rezeptoren sitzen wie ein Greifarm auf der Zelle.

Können sie an andere Zellen andocken, bleibt die T-Zelle inaktiv. Funktioniert das Andockmanöver dagegen nicht, wird die andere Zelle als Eindringling erkannt und vernichtet. Das Problem mit den Tumorzellen ist, dass diese auf ihrer Oberfläche ebenfalls Rezeptoren haben, die in der Lage sind, an die Rezeptoren der T-Zellen anzubinden. Sie besitzen quasi den passenden Schlüssel für das Schlüsselloch.

Die Immuntherapie zielt darauf ab, dem Körper Antikörper zu verabreichen, welche diesen Prozess unterbinden – daher auch der Begriff Checkpoint-Inhibitoren. Um das bildliche Beispiel aufzugreifen: Das Schlüsselloch wird mit Kaugummi verstopft, der Schlüssel passt nicht mehr.

Derzeit haben bezogen auf verfügbare Produkte die Pharmaunternehmen Bristol Meyers-Squibb, Merck & Co. (beide USA) und die britische Astra Zeneca bei der Immuntherapie die Nase vorn, dicht gefolgt von Roche.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer

Diese Antikörper werden auf Basis gentechnischer Analysen geschaffen und biologisch hergestellt. Derzeit haben bezogen auf verfügbare Produkte die Pharmaunternehmen Bristol Meyers-Squibb, Merck & Co. (beide USA) und die britische Astra Zeneca bei der Immuntherapie die Nase vorn, dicht gefolgt von Roche. Auch die deutsche Merck hat in Zusammenarbeit mit der US-Firma Pfizer einen Wirkstoff entwickelt, welcher derzeit gegen verschiedene Formen von Krebs in der Erprobung ist.

Das Interesse der Pharmafirmen ist groß: Das Marktforschungsunternehmen GBI Research schätzt, dass der Markt für Immuntherapien bis 2022 auf mehr als 70 Milliarden US-Dollar wachsen wird.

Auch vielversprechend: CAR-T

Bei der CAR-T-Zelltherapie handelt es sich um eine neuartige Krebsimmuntherapie. Im Gegensatz zur klassischen Immuntherapie, bei der dem Patienten Antikörper verabreicht werden, die das Anbinden der Krebszelle an die T-Zellen verhindern soll, wird bei der CAR T-Zelltherapie Blut entnommen. Aus diesem Blut werden dann T-Zellen extrahiert und im Labor gentechnisch so verändert, dass sie chimäre Antigenrezeptoren (CAR) auf ihrer Oberfläche ausbilden. Diese Rezeptoren sollen tumorspezifische Rezeptoren erkennen. Werden die gentechnisch veränderten CAR-T-Zellen dem Patienten wieder zurückinfundiert, sollen sie mit ihren Rezeptoren Tumorzellen identifizieren und dann eine Immunreaktion auslösen.

Derzeit führend auf dem Gebiet der CAR-T-Forschung sind Novartis und Kite Pharma, eine Tochter von Gilead.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer

Normalerweise würde eine T-Zelle, die an eine andere Zelle andockt, keine Reaktion hervorrufen. Bei der CAR-T-Therapie passiert das Gegenteil, weil bei der genetisch veränderten T-Zelle eine Signalsequenz einprogrammiert wird, die beim Andocken an einen bestimmten Rezeptor (in der Medizin spricht man von CD19) – der auf rund 95 % aller Tumoren vorkommt – einen Angriff auf diejenige Zelle auslöst. Derzeit führend auf dem Gebiet der CAR-T-Forschung sind das Schweizer Pharmaunternehmen Novartis und die US Firma Kite Pharma, eine Tochtergesellschaft des US-Pharma- und Biotechnologieunternehmens Gilead.

Chancen und Risiken

So einleuchtend die vorgestellten Therapien sind – in der Praxis wird noch viel Geduld benötigt. Auch wenn einige bereits zugelassene Therapien bei einzelnen Patienten die Lebenserwartung deutlich steigen lassen (teilweise ist auch eine vollständige Heilung zu beobachten), gibt es auch immer wieder Rückschläge.

Die Behandlungen können zum Teil starke Nebenwirkungen auslösen, die wiederum eine eigene Behandlung erforderlich machen. Teilweise wirken Therapien gar nicht. Warum, muss erst noch erforscht werden. Und zu guter Letzt sind die Kosten sehr hoch. So kostet eine einzelne Infusion mit Antikörpern, die im Schnitt alle drei Wochen wiederholt wird (oft über viele Monate oder Jahre hinweg), bei der klassischen Immuntherapie viele tausend Euro. Noch teurer ist die CAR-T-Zelltherapie: Hier werden mehrere hunderttausend Euro für die Therapie fällig.

Die Volatilität der Pharmaaktien kann tendenziell zunehmen – je nachdem, wie erfolgreich der Testverlauf eines Wirkstoffs ist.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer

Dennoch bedeuten die Krebsimmuntherapie und die CAR-T-Zelltherapie bei der Behandlung von verschiedenen Krebserkrankungen einen großen Schritt nach vorne und werden sich neben Operation, Chemo- und Strahlentherapie als vierte Säule der Krebsbehandlung etablieren. Möglich wird dies durch das zunehmende Verständnis der Wirkungsweise von Krebszellen.

Deren Gefahr besteht darin, dass sie im Prinzip entartete, körpereigene Zellen darstellen und daher aufgrund ihrer Oberflächenbeschaffenheit schwer vom Immunsystem zu erkennen sind. Die Suche nach Rezeptoren, die tumorspezifisch sind (CAR-T-Zelltherapie) beziehungsweise nach Antikörpern, die sich an Rezeptoren binden können und damit die Verbindung von Tumor- und T-Zelle unterbinden, hat gerade erst angefangen und wird sich in den kommenden Jahren beschleunigen. Dies kann auch dazu führen, dass die Volatilität der Pharmaaktien tendenziell zunimmt – je nachdem, wie erfolgreich der Testverlauf eines Wirkstoffs ist.

Auch wenn die Krebsimmuntherapien noch in den Kinderschuhen stecken, sind ihre bisherigen Erfolge vielversprechend. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren die Entwicklung dieser Therapien weiter voranschreitet und effektiver wird. Neben einer besseren Lebensqualität für Patienten dürften die Behandlungskosten mit zunehmendem Wettbewerb unter den Pharmaunternehmen stark rückläufig sein. Dennoch ist dieses Geschäftsfeld sehr attraktiv. Aufgrund der Vielzahl an verschiedenen Tumorarten und dem Grad der Streuung eines Tumors wird es sehr viele Nischen geben, die ein Pharmaunternehmen besetzen kann – mit der Aussicht auf milliardenschwere Umsätze. Denn wie schon eingangs erwähnt: Die Zahl der weltweiten Krebserkrankungen wird in den nächsten Jahren stark zunehmen.

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