Die türkische Lira setzt ihre Talfahrt im August fort. Allein am 10. August gab die Währung um mehr als 14% gegenüber dem Euro nach. Präsident Erdogans Aufforderungen, sämtliche Dollar- und Euro-Bestände in Lira umzutauschen, führten gar zu einer Beschleunigung des Wertverfalls. Für Deutschland sind die Folgen der Türkei-Krise überschaubar: Bankenexposure und Exportvolumen sind vernachlässigbar gering.

Autor

Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
Als Chief Investment Officer und Chefvolkswirt von Hauck & Aufhäuser analysiert und prognostiziert Burkhard Allgeier sowohl makroökonomische Entwicklungen als auch das Geschehen auf den internationalen Finanzmärkten.

Auch der Euro verlor bedingt durch die Türkei-Krise zuletzt gegenüber den klassischen Fluchtwährungen, wie z. B. gegenüber dem Japanischen Yen oder dem Schweizer Franken, etwas. Die Europäische Union und die Türkei unterhalten einen regen Handel. 2017 exportierte die EU Waren im Wert von rund 63 Mrd. Euro. Deswegen litten europäische Finanzwerte, die wegen ihrer Türkei-Aktivitäten von möglichen Zahlungsausfällen direkt betroffen wären. Nach einer langen Abwertungsperiode hat die Ankündigung der Verdopplung der bisher verhängten Aluminium- und Stahlzölle seitens US-Präsident Trump, der  eine Freilassung eines in der Türkei inhaftierten Pastors erzwingen möchte, den Lira-Kursverfall beschleunigt. Dabei gibt es viele weitere Ursachen, die zu dieser Entwicklung führten.

Währungskrise in der Türkei

Quelle: H&A, Thomson Reuters Datastream

Die Türkei befindet sich in einer komplexen Situation, in der Investoren sukzessive das Vertrauen in das Land verlieren: Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch, die Inflationsrate stieg zuletzt auf über 15% an und die Notenbank  verliert immer weiter ihre Unabhängigkeit. Präsident Erdogan kündigte jüngst an, er wolle noch stärkeren Einfluss insbesondere auf die Leitzinspolitik der türkischen Zentralbank nehmen. Daher überraschte auch nicht, dass die Notenbank trotz der Währungsentwertung und der anziehenden Teuerungsrate nicht intervenierte. Daneben verzeichnet die Türkei seit Jahren ein hohes Leistungsbilanzdefizit (6,1% in Q1/2018 ) – es wird also mehr importiert als exportiert.  Daher leidet das Land aufgrund der angehäuften Auslandsverschuldung besonders unter dem Verfall der Währung.

Leitzinsen verharren bei fast 20%

Quelle: H&A, Thomson Reuters Datastream

Auch die starken Wachstumsraten der letzten Jahre scheinen  bedingt durch die aktuelle krisenhafte Zuspitzung  nicht wiederzukehren: Die türkische Regierung reduzierte ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum 2018 und 2019 auf 3% - 4% – weit entfernt von dem Wachstum im Jahr 2017 in Höhe von 7,1%.

Ausblick

Die aktuelle Lage erinnert an die Krise aus dem Jahr 2001. Um einen Staatsbankrott abzuwenden, beantragte damals die türkische Regierung einen Rettungskredit bei dem IWF und setzte einen von dem Währungsfonds bestimmten strikten Sparkurs um. Gerade weil die Türkei ein steigendes Leistungs- und Handelsbilanzdefizt verzeichnet, könnte bei einer Fortsetzung des Wertverfalls dieser Fall wieder eintreten. Doch genau das möchte Präsident Erdogan verhindern, der mit seinem neu geschaffenen Präsidialsystem erst eine Machtkonzentration erwirken konnte.

Korrespondierend zu der Türkei-Krise haben andere Schwellenländer mit Ansteckungseffekten zu kämpfen. Das ohnehin schon herausfordernde Makro-Umfeld für EM-Staaten, wie die steigenden US-Zinsen und der aufwertende US-Dollar, sorgt seit Jahresanfang für Mittelabflüsse und zunehmende Skepsis. Die Türkei-Krise unterstützte nun diesen Trend: Beispielsweise steigen die zehnjährigen Kreditausfall-Versicherungen (CDS) von Brasilien oder Argentinien zuletzt kräftig an.

BIP-Wachstum

Quelle: H&A, Thomson Reuters Datastream

Denkbar wäre auch für andere EM-Staaten, dass der Mittelabfluss sich beschleunigt und Anleihen-Renditen sich weiter erhöhen. Für die europäischen Staaten sind die Spillover-Effekte dagegen überschaubar, wenngleich der Bankensektor durch sein Kredit-Exposure in der Türkei Zahlungsausfälle fürchten muss, da ein großer Teil der Kredite in US-Dollar oder Euro denominiert ist. Insbesondere spanische und auch französische Banken sind mit einem Kreditvolumen von 82,3 Mrd. Euro bzw. 38,4 Mrd. Euro am stärksten in der Türkei vertreten. Das Engagement deutscher Finanzinstitute ist mit 17,1 Mrd. Euro dagegen überschaubar. Auch die Ausfuhren aus Deutschland in die Türkei sind mit 1,7% des Gesamtexportvolumens vernachlässigbar.

Zehnjährige Kreditausfall-Versicherungen (CDS) im Vergleich

10-J.-CDS Türkei

Quelle: H&A, Thomson Reuters Datastream

10-J.-CDS Argentinien

Quelle: H&A, Thomson Reuters Datastream

Derzeit zeigt sich also in der Türkei ein durchaus negatives Bild, das Präsident Erdogan mit – vorsichtig gesagt – unorthodoxen wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu bekämpfen versucht. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Notenbank bald mit einem deutlichen Zinsschritt interveniert, um die Glaubwürdigkeit in die Landeswährung und die Unabhängigkeit der Notenbank wieder zu stärken. Daneben sollten Anstrengungen unternommen werden, um das Leistungsbilanzdefizit und damit die Auslandsverschuldung effektiv einzudämmen. Erste Ankündigungen wurden bereits seitens der Erdogan-Regierung und der Notenbank gemacht. Zusätzliche Liquiditätszusagen sollen einer Kreditklemme vorbeugen – am Dienstag erholte sich der Kurs bereits etwas. Noch ist die Türkei handlungsfähig.

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