Die jüngsten Konjunkturindikatoren signalisieren für Europa eine Eintrübung der Wachstumsdynamik. Die Einkaufsmanagerindizes sowohl für das verarbeitende Gewerbe als auch für den Dienstleistungssektor haben seit Jahresbeginn von einem hohen Niveau aus sukzessive nachgegeben. Das Ifo-Geschäftsklima stabilisierte sich zwar im Mai, war jedoch im Juni erneut rückläufig: Die Erwartungs-Komponente für die künftige Lage steht derzeit sogar auf Abschwung.

Autor

Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
Als Chief Investment Officer und Chefvolkswirt von Hauck & Aufhäuser analysiert und prognostiziert Burkhard Allgeier sowohl makroökonomische Entwicklungen als auch das Geschehen auf den internationalen Finanzmärkten.

Nicht nur der Ifo-Index, sondern auch die deutschen Auftragseingänge der Industrie und die Exporte entwickelten sich seit Jahresbeginn schwächer als erwartet. Die realen Wachstumsraten der europäischen Volkswirtschaften konnten im ersten Quartal 2018 ebenfalls nicht an die Zuwächse vom Vorjahr 2017 anknüpfen. Deutschlands Wirtschaftswachstum entzog sich diesem Trend nicht. Mit einer Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2018 von 0,3 % gegenüber dem Vorquartal lag Deutschland sogar noch unter dem europaweiten Durchschnitt von 0,4 %.

Maßgeblich dafür waren rückläufige Exporte (–1,0 %) und schwächere Konsumausgaben des Staates (–0,5 %). Dabei gab es viele Sondereffekte, die das deutsche Wachstum im ersten Quartal beeinträchtigten: Eine besonders ausgeprägte Grippe-Welle, viele Streiktage und das in diesem Jahr früher stattgefundene Osterfest. Negative Effekte ergaben sich auch aufgrund der in der Zeit zwischen Januar und März anhaltenden Euro-Stärke, die sich wohl ungünstig auf die Export-Unternehmen in Deutschland ausgewirkt hat.

Ein nachhaltiger konjunktureller Abschwung der deutschen Volkswirtschaft ist anhand der aktuellen ökonomischen Rahmenbedingungen jedoch kaum zu erwarten: Die Zahl der Beschäftigten erreichte neue Höchststände und sorgte damit wiederholt für spürbar steigende Einkommen der privaten Haushalte. Korrespondierend dazu verzeichneten die privaten Konsumausgaben im ersten Quartal ein deutliches Plus (+0,4 %). Auch die Bruttoinvestitionen zogen im Vergleich zum Vorquartal merklich an (+1,7 %) – unterstützt vor allem durch den Bausektor (+2,1 %).

Robuster Konsum

Eine Reihe von Indikatoren spricht eher für eine Wiederbelebung der deutschen Konjunkturdynamik. Die dank der exzellenten Beschäftigungslage gestiegenen verfügbaren Einkommen (Q1 2018: +3,3 % gegenüber Vorjahr) lassen einen robusten Binnenkonsum in Deutschland erwarten. Daneben wird die für 2019 beschlossene paritätische Finanzierung in der gesetzlichen Krankenkasse die privaten Konsumausgaben unterstützen.

Sinkende Arbeitslosenquote sorgt für steigende verfügbare Einkommen

Arbeitslosenquote

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Verfügbares Einkommen

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Zumindest ist der Rückgang des Staatskonsums nur von temporärer Natur. Die verabschiedeten Ausgabenpläne der deutschen Bundesregierung, die für die nächsten Jahre kräftige Erhöhungen vorsehen, zum Beispiel für die Aufstockung des Kindergeldes und des Kinderfreibetrages oder die staatliche Unterstützung beim sozialen Wohnungsbau, dürften den Staatskonsum wieder steigen lassen.

Insbesondere für 2019 sieht der Koalitionsvertrag einen fiskalischen Impuls durch Mehrausgaben – im Vergleich zum Vorjahr – von mehr als 13 Milliarden Euro vor. Der Betrag entspricht immerhin 0,4 % des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der für 2021 geplante schrittweise Abbau des Solidaritätszuschlags in Höhe von 10 Milliarden Euro wird für einen weiteren fiskalischen Stimulus sorgen, der insbesondere untere und mittlere Einkommen entlasten soll.

Rom macht Sorgen

Künftige Risiken ergeben sich derzeit insbesondere durch die ungewisse politische Entwicklung in Italien. Das Land ist mit mehr als 130 % Schulden im Vergleich zum BIP, schwachem Wirtschaftswachstum und hoher Arbeitslosigkeit weiterhin das Sorgenkind der Euro-Zone. Die Wahlversprechen der "Lega" und "Fünf-Sterne-Bewegung" zielen vor allem auf eine expansivere Fiskalpolitik ab, finanziert durch neue Schulden, um so die latente Wachstumsschwäche zu überwinden.

Auch wenn wir ein Verlassen der italienischen Volkswirtschaft aus der Euro-Zone für ein sehr unwahrscheinliches Szenario halten, zeigten die Spread-Ausweitungen, also der Renditeabstand zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen, im Mai die diesbezüglichen Verunsicherungen. Über die Sommermonate ist aufgrund der fragilen Regierung aus den rechts- und linkspopulistischen Parteien ein erneutes Aufammen der politischen Krise nicht auszuschließen.

Ein Risiko für die Euro-Zone und insbesondere für Deutschland resultiert aus möglichen Handelskonflikten mit den USA.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer

Ein weiteres Risiko für die Euro-Zone und insbesondere für Deutschland resultiert aus möglichen Handelskonflikten mit den USA. Diese haben zuletzt die Prüfung von Importzöllen für Kraftfahrzeuge angeordnet. Unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit wurden bereits Einfuhrzölle auf Aluminium und Stahl durch die Vereinigten Staaten verhängt. Deutschland, das einen großen Handelsbilanzüberschuss mit den USA verzeichnet und 2017 mehr als 500.000 Autos in das Land exportierte, wäre von weiteren Zöllen besonders stark betroffen. Die USA waren 2017 mit insgesamt über 110 Milliarden Euro Handelsvolumen der größte Abnehmer deutscher Exporte. Eine Erhöhung der Einfuhrzölle auf 25 % (derzeit 2,5 %) auf Pkws und Automobilteile würde das Volumen der betroffenen Stahl- und Aluminium-Produkte in der Europäischen Union um ein Vierfaches übersteigen.

Deutsches Wirtschaftswachstum: Keine Eintrübung zu erwarten

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Insgesamt ist jedoch unseres Erachtens der derzeitige Rückgang der Konjunkturindikatoren und die Wachstumsschwäche im ersten Quartal eher als vorübergehende Abschwächung als ein tatsächlicher Abschwung zu interpretieren. Die Konjunktur in Deutschland sollte in den kommenden Quartalen wieder Fahrt aufnehmen.

Die Konjunktur in Deutschland sollte in den kommenden Quartalen wieder Fahrt aufnehmen.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer

Auch die Exporte sollten aufgrund der sich im Aufschwung befindenden Weltkonjunktur wieder anziehen und damit wiederum das deutsche Bruttoinlandsprodukt positiv unterstützen: Die beiden größten Volkswirtschaften, USA und China, wachsen mit hohem Tempo weiter. Die OECD prognostizierte in ihrem „Economic Outlook“ im Mai ein Weltwirtschaftswachstum von 4 % für 2018 und 2019, was durch eine akkommodierende Geldpolitik, fiskalische Lockerungen und einen florierenden Außenhandel begünstigt wird. Vor diesem Hintergrund halten wir einen nachhaltigen Abschwung in Deutschland für unwahrscheinlich.

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