Anleger sollten auf Kursdellen vorbereitet sein – so lautete eine unserer Botschaften vor einem halben Jahr. Das ist in den zurückliegenden Monaten auch eingetreten. Die Ursachen waren unterschiedlich. Im Februar waren es Inflationssorgen und Zinsängste, im März Befürchtungen eines aufkommenden Handelskrieges. In diesen Fällen waren die Vereinigten Staaten Auslöser der Schockwellen. Im Mai ging der Staffelstab an die Eurozone über: Die schwierige Regierungsbildung in Italien verbunden mit Euro-skeptischen Tönen belebten die schon totgeglaubte Euro-Krise wieder.

Autor

Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
Als Chief Investment Officer und Chefvolkswirt von Hauck & Aufhäuser analysiert und prognostiziert Burkhard Allgeier sowohl makroökonomische Entwicklungen als auch das Geschehen auf den internationalen Finanzmärkten.

So ist es kein Wunder, dass die Erträge auf den Kapitalmärkten bislang zumeist dürftig ausgefallen sind. Der deutsche Aktienindex DAX 30 pendelt um seinen Jahresanfangswert herum, der französische Aktienmarkt liegt knapp im Plus, der Schweizer Markt hingegen deutlicher im Minus. Und wieder einmal liegen die US-Märkte vorne, der Technologieindex NASDAQ sogar mit einem Plus von rund 13%. Mit Anleihen war hingegen so gut wie nichts zu verdienen. Schwankungsfreudig zeigten sich die Währungsmärkte. Der Dollar konnte verlorenen Boden wieder gutmachen, die türkische Lira hingegen purzelte. Für tradingorientierte Anleger also ereignisreiche und mit reichlich Opportunitäten gespickte Monate.

Was bringt nun die zweite Jahreshälfte? Bleibt die Konjunktur dynamisch genug, um den Aktienmarkt mit den ersehnten Gewinnen zu versorgen? Gelingt der EZB der smarte Exit aus der ultra-expansiven Geldpolitik? Wie steht es um die Eurozone und steuert die Welt auf einen Handelskrieg? Das Dickicht an Fragen ließe sich fortsetzen, und es zeigt schon jetzt, dass ganz unterschiedliche Entwicklungen möglich sind.

Aktienmarkt: Earnings-Power sollte anhalten

Die Sorgen um eine weitere konjunkturelle Abschwächung sollten sich verflüchtigen. Zwar hat sich der hiesige ifo Geschäftsklimaindex Deutschland von sehr hohem Niveau aus zurückgebildet, aber es ist nicht erkennbar, welche Faktoren in einen ausgeprägten Abschwung führen sollten. Die Beschäftigung ist hoch, Arbeitslosenquoten fallen, die Nettolöhne steigen – alleine: Es ist oft von Mangel an qualifizierten Fachkräften zu hören. Die Konsumnachfrage sollte also keinen Abbruch erleiden. Investitionspläne von Unternehmen sollten also durch mangelnde Nachfrage nicht beeinträchtigt werden. Die größten Konjunkturrisiken liegen in zwei Feldern: Zum einen in einem sich ausweitenden Handelsstreit zwischen Amerika, Europa und Asien. Das würde die Stimmung unter Produzenten und Konsumenten eintrüben, Ausgabenpläne würden erst einmal auf Eis gelegt. Zum anderen darin, dass die Notenbanken nach Jahren zögerlichen Handelns nun plötzlich scharf restriktiv agieren und die Konjunktur in die Knie zwingen – „every business cycle is murdered by the Fed“.

Wie realistisch sind diese Risiken?

Unseres Erachtens ist die jeweilige Eintrittswahrscheinlichkeit gering. Der Handelsstreit ist im Lichte der Theorie der Drohung nur ein vordergründiger Streit, an dessen Ende einer akzeptable Verhandlungslösung steht. Eine echte Eskalation ist möglich, aber für alle Beteiligten verlustbringend und daher unwahrscheinlich. Und im Übrigen geht es den USA nicht zuletzt um den (berechtigten) Schutz geistigen Eigentums samt Erschwerung des Technologietransfers an ausländische (chinesische) Wettbewerber. Die amerikanische Notenbank selbst hat kürzlich angekündigt, ihr Inflationsziel sei symmetrisch und meinte damit, dass Überschreitungen des Inflationsziels von etwa 2% nach oben vorübergehend hingenommen werden können und nicht unverzüglichen zinspolitischen Handlungsbedarf nahelegen. Insofern stimmen wir nicht in den Chor derjenigen ein, die nach mehreren Zinsschritten in diesem Jahr (es dürften mindestens drei werden), von der Fed im nächsten nochmal drei, gar vier Zinserhöhungen erwarten. Viel Augenmerk wird sich am Rande bemerkt auf die Europäische Zentralbank (EZB) richten. Sie wird in den kommenden Monaten mehr Details zu ihren Ausstiegsplänen aus ihrem Ankaufprogramm geben; vor allem aber – und das wird die Märkte besonders beschäftigen – Hinweise zur Zinspolitik. Im Frühjahr 2019 dürfte der erste Zinsschritt nach oben erfolgen.

Earnings-Power

Steilheit der US-Zinskurve
Arbeitslosenquote

Unterstellt, diese beschriebenen Risiken materialisieren sich nicht, sehen wir für die Aktienmärkte von den heutigen Niveaus aus gute Chancen für weitere Kurssteigerungen. Denn die Gewinnlage ist gut. Die Ergebnisberichte für das erste Quartal waren ausgezeichnet, und auch die Ausblicke für die Zukunft waren von realistischem Optimismus geprägt. Für die börsennotierten Unternehmen der Eurozone wird das Wachstum der Gewinne (für die nächsten 12 Monate) auf rund 8% veranschlagt, mit gut 12% deutlich höher für die im S&P 500 versammelten Unternehmen. Zuletzt wurden die Gewinnerwartungen insbesondere in Europa sogar etwas nach oben revidiert. Die „Earnings-Power“ in den USA ist beeindruckend und ein schon länger andauerndes Phämomen.

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