Die Digitalisierung hat in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Waren zum Beispiel im Jahr 1993 lediglich 3% der technologischen Informationskapazitäten digital, so lag dieser Wert 2007 bereits bei 94%. Dabei ist das Jahr 2002 hervorzuheben: In diesem Jahr gab es weltweit erstmals mehr digital als analog gespeicherte Daten.

Autor

Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer
Als Chief Investment Officer und Chefvolkswirt von Hauck & Aufhäuser analysiert und prognostiziert Burkhard Allgeier sowohl makroökonomische Entwicklungen als auch das Geschehen auf den internationalen Finanzmärkten.

Das Internet-Wissensportal Wikipedia beschreibt die Digitalisierung als „…die Erstellung digitaler Repräsentationen von physischen Objekten, Ereignissen oder analogen Medien. Im weiteren Sinn steht der Begriff insgesamt für den Wandel hin zu digitalen Prozessen mittels Informations- und Kommunikationstechnik.“ Insbesondere Letzteres steht für eine zunehmende Speicherung von Daten bei anschließender Auswertung und Verarbeitung.

In der Wirtschaft äußert sich die Zunahme der Digitalisierung auf viele Weisen. So versuchen Versicherungen durch die Verknüpfung von verschiedenen Datenbanken – beispielsweise Wohngebiet (Adresse), Berufs- und Einkommenssituation (Wirtschaftsdaten), Einkaufsverhalten (Loyalitätsprogramme) und Hobbies (Fitness Apps) – das eigene Produkt zu optimieren. Oftmals wird diese Verknüpfung der Daten auch mit dem Schlagwort „der gläserne Kunde“ beschrieben.

Eine ähnliche Entwicklung ist im Einzelhandel zu beobachten. Dort sind besonders die Unternehmen erfolgreich, die durch Sammeln von Informationen ihre Kunden gezielter ansprechen und ihre Wertschöpfungsketten sowie Lagerhaltung durch digitale Abläufe optimieren (Industrie 4.0).

Im Transportwesen werden Daten ebenfalls genutzt, um die Kostenstrukturen zu verbessern. So experimentiert der britisch-australische Eisenerzproduzent Rio Tinto in seinen australischen Erzminen mit ferngesteuerten Lastwagen. Dabei werden die Lkws teilweise über eine Distanz von rund 1.500 Kilometern per Joystick und Satellit ferngesteuert. Gleichzeitig können weitere Informationen wie die Erzmenge oder der Reifendruck aus der Ferne überwacht werden.

Tech-Sektor profitiert am meisten

Diese Beispiele zeigen, dass die Digitalisierung insbesondere die Kostenseite (und damit die Profitabilität) positiv beeinflusst. Am Ende ist es jedoch nicht der Versicherungs- oder Bergbaukonzern, der am meisten von der Digitalisierung profitiert, sondern der Technologiesektor. So zählen heute Unternehmen wie Alphabet oder Amazon, deren Geschäftsmodell auf dem Sammeln und Verwerten von Daten basiert, zu den größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung – denn deren Dominanz spiegelt sich letztlich auch in der Aktienkursentwicklung wider. Oft wird in diesem Zusammenhang von den FAANG-Unternehmen (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google – heute Alphabet) gesprochen.

Beispiel Facebook: Der Konzern dominiert die sozialen Medien und hat von jedem seiner Nutzer mehr als 600 verschiedene Datenpunkte, die das Unternehmen vor allem an die Werbewirtschaft verkauft. Damit kann Facebook (möglicherweise) auch die Politik beeinflussen, wie an den jüngsten Wahlerfolgen von Parteien, die sehr aktiv im Netz vertreten sind, zu sehen war. Mit immer neuen Anwendungen versucht Facebook die Verweilzeit seiner Nutzer auf seiner Plattform zu erhöhen (zum Beispiel durch die künftige Übertragung von amerikanischen Football-Spielen der NFL). Und wer Facebook nicht direkt nutzt, tut dies wahrscheinlich indirekt.

Weltmeister in der Datenerhebung ist die Suchmaschine Google, die zu Alphabet gehört.

Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer

Schließlich gehören auch Instagram und WhatsApp zum Marktführer. Auch die Chinesen können Digitalisierung: In dem Land, in welchem der Facebook-Dienst stark eingeschränkt ist, heißt das chinesische Pendant Tencent. Die Marktkapitalisierung ist zuletzt auf mehr als 500 Milliarden US-Dollar gestiegen. Damit ist Tencent das fünftteuerste Unternehmen der Welt.

Google weiß (fast) alles

Weltmeister in der Datenerhebung ist die Suchmaschine Google, die zu Alphabet gehört: Google weiß, wo die Daten stehen. Google weiß, was die Nutzer wissen wollen. Und Google geht davon aus, zu wissen, was die Kunden in naher Zukunft wissen wollen. Dieses Wissen wird von Alphabet vor allem an die Werbewirtschaft verkauft.

So steht Google heute schon für mehr als 30 % des gesamten globalen Online-Werbebudgets. Der Online-Werbemarkt wird von etwa 200 Milliarden Dollar (2017) bis 2021 auf rund 300 Milliarden Dollar wachsen. Einen besseren Beleg für den Wert von Daten gibt es kaum.

Übrigens gibt es auch bei den Suchmaschinen ein chinesisches Pendant. Es nennt sich Baidu und hat inzwischen eine Marktkapitalisierung von rund 100 Milliarden Dollar erreicht.

Andere Möglichkeiten, Informationen zu Geld zu machen, könnten digitale Karten sein. Durch deren Verknüpfung beispielsweise mit Einkaufsgewohnheiten oder touristischen Zielen kann Nutzern ein Mehrwert geboten (sprich: verkauft) werden.

Beim Thema Digitalisierung kommt man schließlich an Amazon nicht vorbei. Unternehmens Chef Jeff Bezos hat schon früh auf Digitalisierung gesetzt. So wurde aus einem Online-Buchladen das führende E-Commerce-Unternehmen der westlichen Welt.

Rund 30 % der per Internet gekauften Artikel haben in den USA einen Bezug zu Amazon. Dabei agiert das Unternehmen nicht nur als Verkäufer von Produkten, sondern stellt seine Plattform auch anderen Händlern zur Verfügung. Die dafür notwendige Speicherung und Verarbeitung von riesigen Datenmengen geschieht durch den Amazon Web Service, der weltweit zu den größten Cloud-Anbietern zählt.

Das chinesische Amazon heißt Alibaba, welches den chinesischen Markt kontrolliert und bereits heute nach Kriterien wie Profitabilität und Kundenwachstum deutlich stärker ist als sein amerikanischer Wettbewerber.

Die Digitalisierung wird der Wirtschaft vor allem Kostenvorteile bringen, die in höheren Margen enden können. Die angesprochenen Technologiewerte profitieren derzeit überdurchschnittlich von der Digitalisierung, da ihr Geschäftsmodell das Sammeln von sehr großen Datenmengen ermöglicht, die sie nicht nur für ihre Geschäfte nutzen, sondern auch an Dritte verkaufen können. Somit schafft die Digitalisierung einen Mehrwert für die Firmen. Der inzwischen seit acht Jahren währende Aufschwung der Konjunktur dürfte zu einem gewissen Teil auch der Digitalisierung und ihren vielfältigen Möglichkeiten für die Unternehmen zu verdanken sein. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die gesamte Ausgabe zum Download: HORIZONTE I/2018

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