Die Weltkonjunktur bleibt auf einem moderaten Wachstumspfad. Nennenswerte konjunkturelle Problemfälle sind aktuell eher Mangelware, wenngleich mancherorts latente Risiken lauern – aber das ist sowieso immer der Fall. Die Weltwirtschaft wird in diesem Jahr preisbereinigt um 3,5% zulegen, nächstes Jahr könnten es sogar ein bis zwei Zehntel mehr werden. Das ist dann das neunte Wachstumsjahr in Folge.

Autor

Reinhard Pfingsten
Leiter Asset Management
Reinhard Pfingsten ist im Executive Board von Hauck & Aufhäuser verantwortlich für den Bereich Asset Management. Bis Oktober 2017 war er zudem Chief Investment Officer unseres Hauses.

Kurzum: Die Weltwirtschaft entwickelt sich synchroner und robuster als vielfach angenommen. Die – zugegebenermaßen – nur leichte Wachstumsbeschleunigung ist vor allem den sogenannten Schwellenländern zu verdanken. Sie können im Aggregat betrachtet ihre Wachstumsrate von 4,3 % (2016) auf 4,8 % (2018) steigern.

Unterschiede unter der Oberfläche

Natürlich gibt es wie immer beim Wachstumstempo Unterschiede. Die großen lateinamerikanischen Länder Argentinien und Brasilien haben die Rezession hinter sich gelassen; Brasilien beispielsweise dürfte in diesem Jahr leicht (+0,3 %), im nächsten Jahr aber deutlich beschleunigt wachsen (+2 %). Auch Russland kämpft nicht mehr mit rezessiven Tendenzen, sondern dürfte in diesem wie im nächsten Jahr mit rund 1,5 % expandieren. Für Schwellenländer sind das im Anschluss an eine Rezession keine Zahlen, die nach starker Konjunkturdynamik riechen.

Die Weltwirtschaft wächst

Reales BIP der Welt

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Diese jedoch bleibt China erhalten. Die zum Teil gehegten Befürchtungen, dass sich der Kapitalabfluss aus der Volksrepublik beschleunigt, die Währung außer Kontrolle gerät und dass die kreditabhängige chinesische Wirtschaft von platzenden Krediten heimgesucht wird und die Immobilienpreise kollabieren, haben sich bislang nicht bestätigt.

Vielmehr scheint es der Führung in Peking zu gelingen, die gewünschten Wachstumsraten von rund 6,5 % p.a. liefern zu können. Bei Bedarf steigert sie die staatlichen Ausgaben – nicht zuletzt, weil sie sich unverändert dem Ziel verpflichtet sieht, die reale Wirtschaftsleistung des Jahres 2010 bis 2020 zu verdoppeln.

Schwellenländer treiben Wachstum der Weltwirtschaft an

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Die steigende Verschuldung in China, nicht nur die des Staates, kann allerdings in der Zukunft zu einer Belastung werden: für Gläubiger, Steuerzahler und Aktionäre! Alles in allem leisten die Schwellenländer jedoch in diesem wie auch im kommenden Jahr die höchsten Wachstumsbeiträge zum Weltwachstum – nämlich rund drei Viertel der im globalen preisbereinigten Bruttoinlandsprodukt abgebildeten Wirtschaftsleistung.

„Totgesagte“ leben länger

Jahrelang sah es so aus, als ob die Volkswirtschaften Japans und Europas der wirtschaftlichen Stagnation kaum entkommen könnten und die Wachstumsdifferenz zu den USA immer größer werden würde. Das hat sich gründlich geändert. Japans Wirtschaftsleistung legte im 2. Quartal dieses Jahres zum Vorquartal um 1 % zu – ein Spitzenwert unter den alten industrialisierten Volkswirtschaften.

Seit 2016 haben sich die Jahreswachstumsraten Japans, der USA und der Euro-Zone immer stärker angeglichen.

Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer

Überhaupt zeigt sich, dass sich seit 2016 die Jahreswachstumsraten Japans, der USA und der Euro-Zone immer stärker angeglichen haben: Der Konjunkturverlauf ist synchroner geworden. Die Synchronität ist jedoch nicht nur auf diese Dreiergruppe beschränkt.

Alle 45 OECD-Länder wachsen 2017, 33 von ihnen mit höheren Wachstumsraten als ein Jahr zuvor. Das war in den vergangenen 50 Jahren ein seltener Zustand – jedoch einer, der sogar noch einige Zeit anhalten kann.

Reales BIP – Japan, USA, Euro-Zone

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Es ist vor allem der private Konsument, der sich zur Wachstumsstütze entwickelt hat. Denn die Arbeitslosigkeit sinkt, die Beschäftigung steigt, die realen Einkommen legen leicht zu und auch die Vermögenspreise stützen – bis zuletzt – die Ausgabenfreude der Verbraucher.

Aufgrund seiner Exportabhängigkeit litt der DAX unter dem festen Euro mehr als andere Aktienmärkte.

Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer

Damit haben sich in vielen Ländern die Unterauslastungen der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten vermindert oder gar ganz geschlossen. In einigen Ländern wie Deutschland expandiert die Wirtschaft sogar etwas über dem Potenzialwachstum. Die Gefahr konjunktureller Überhitzung steigt dadurch.

USA: Spar- und Arbeitslosenquote im Konjunkturverlauf

Sparquote

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Arbeitslosenquote

Quelle: Thomson Reuters Datastream

Es gilt aber auch: Beginnt der Konsument zu lahmen, drückt das die Wachstumsraten nach unten. Aus einem synchronen Aufschwung kann dann ein synchroner Abschwung entstehen. Beachtung verdienen in diesem Zusammenhang einige Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Die Verkaufszahlen neuer Automobile gehen seit dem Jahreswechsel nach unten; die persönlichen Konsumausgaben der Amerikaner beginnen (auf dem erreichten hohen Niveau wohlgemerkt) zu stagnieren – und das in einem Umfeld bis zuletzt fallender Arbeitslosenquoten.

Dreht in den USA der Trend – was historisch der Fall war, wenn die Arbeitslosenrate in drei aufeinanderfolgenden Monaten stieg – ist die nächste Rezession nicht mehr weit. Noch ist es zu früh, diese auszurufen. In der Sprache der Notenbanker gilt hier jedoch: Wachsamkeit ist geboten.

Die gesamte Ausgabe finden Sie hier: HORIZONTE IV/2017

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