Zeige die Seitenleiste
Portrait Burkhard Allgeier Chief Investment Officer
Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer von Hauck & Aufhäuser | Geschäftsführer von H&A Global Investment Management
10.03.2020

Goldlöckchen oder Bärenmarkt – so lautete der Titel unseres Jahresausblicks 2020. Wir hatten bereits damals auf mögliche Negativentwicklungen hingewiesen. Dass sie aber in dieser Dimension und Geschwindigkeit über uns hereinbrechen werden, war nicht in unserem Blickfeld. Die vergangenen Tage haben zwei Neuigkeiten hervorgebracht. Erstens: Die Hoffnung auf einen vergleichsweise milden Verlauf der Covid-19-Epidemie in Europa und den USA erscheint nicht mehr angebracht und zweitens: Russland und Saudi-Arabien nutzen den Ölpreis in einer schwierigen Gemengelage als aggressiven geopolitischen Hebel.

Covid-19 Erkrankungen werden in Europa und den USA deutlich ansteigen

Der sprunghafte Anstieg von Erkrankungsfällen in Italien über das vergangene Wochenende lässt für den Rest von Europa und die USA nichts Gutes erwarten. Die Ansteckungszahlen in diesen Regionen folgen damit dem Verlaufsmuster in China (ohne Hubei) und Südkorea. Für Deutschland, Frankreich und Spanien rechnen wir daher jetzt mit einem deutlichen Anstieg der registrierten Covid-19 Erkrankungen im Wochenverlauf. Nach diesem Muster sollten dann auch spätestens zum Wochenende hin auch in den USA die registrierten Fälle deutlich steigen.

Kum. Infektionsverlauf nach Tagen

Der durch unterbrochene Lieferketten, Arbeitsunfähigkeit und Produktionsausfälle verursachte globale, negative Angebotsschock dürfte daher noch eine Weile anhalten. Die Konsum- und Investitionsnachfrage wird aller Voraussicht nach im März weiter einbrechen. Zu dem Angebotsschock kommt also noch ein Nachfrageschock hinzu. Geldpolitik kann in diesem Umfeld nur begrenzt wirken. Die Zinssenkung der Fed vom 3. März verpuffte an den Finanzmärkten mehr oder minder wirkungslos. Einzig der Dollar gab zum Euro kräftig nach. Wenn man so will, kam damit für die Euro-Zone zu allem Übel noch ein Wechselkursschock zur Unzeit hinzu. Wichtigste Aufgabe der Geld- und Fiskalpolitik muss es daher jetzt sein, die permanente Liquidität des Banken- und Unternehmenssektors zu gewährleisten. Damit rückt der Fokus auf die nächste Sitzung der Europäische Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag, dem 12. März. Aktionen im Stile von „whatever-it-takes“ könnten die Märkte zumindest kurzfristig beruhigen. Kommen die Wirtschaftspolitiker ihrer Aufgabe nicht nach, drohen nicht nur nachhaltige Ausfälle der aggregierten Nachfrage, sondern auch vermehrt Zahlungsausfälle. Damit könnte aus der Wachstumsdelle eine länger anhaltende Rezession erwachsen.

Zentralbanken und Regierungen erwecken derzeit den Eindruck, dass sie das Notwendige unternehmen, um eine wirtschaftliche Rezession zu vermeiden. In unserem Hauptszenario könnten sich die Märkte dann analog zur Situation in 1998, 2016 und Anfang 2019 sehr schnell erholen. Wir beobachten die Liquiditätssituation am Interbankenmarkt und mögliche Zahlungsausfälle allerdings sehr genau.

Ölpreisschock für Investitionen und Konsum in den USA?

Die russische Regierung hat sehr deutlich gemacht, dass sie nicht mehr bereit ist, den Ölpreis zugunsten der US-amerikanischen Ölproduzenten zu stützen. Saudi-Arabien hat daraufhin einen aggressiven Preiskampf ausgelöst und damit ebenfalls den Ölpreis zum geopolitischen Machthebel instrumentalisiert. Die Folgen waren am Montagmorgen an den Notierungen für Rohöl leicht zu erkennen. Für die USA fällt diese Entwicklung mitten in den laufenden Wahlkampf und setzt den amtierenden Präsidenten mächtig unter Druck. Seine Zustimmungswerte sind bereits mit dem Aktienmarkt gefallen. Sollten die Turbulenzen im Energiesektor in den kommenden Wochen zu deutlich rückläufigen Investitionen und einem nennenswerten Anstieg der Arbeitslosigkeit führen, könnte das dem Konsum – in Verbindung mit einem negativen Vermögenseffekt aus Aktienverlusten – einen erheblichen Dämpfer verpassen. Ein Hauptgrund dafür ist die Tatsache, dass die USA kein Netto-Importeur von Rohöl mehr sind. Dadurch werden Nachfragerückgange bei Investitionen im Energiesektor nur noch begrenzt durch zusätzliche Konsumausgaben aufgefangen.

In Verbindung mit deutlich steigenden Covid-19-Erkrankungsraten und entsprechenden Produktionsausfällen ist damit auch die US-Wirtschaft nicht mehr völlig immun gegen Rezessionsgefahren. Wir gehen derzeit davon aus, dass die Mitglieder der OPEC+ in nicht allzu langer Zeit wieder an den Verhandlungstisch kommen. Schließlich ist der ökonomische Preis der aktuellen Verwerfungen für alle Teilnehmer hoch. Wir vermuten daher, dass die US-Regierung hinter verschlossenen Türen den ein oder anderen Kompromiss eingeht und in naher Zukunft die ersten fiskalpolitischen Zeichen setzt. Flankiert von Maßnahmen der US-Notenbank könnte dies ebenfalls zu einer raschen Kehrtwende an den Aktienmärkten führen.

Positionierung

Die Unsicherheiten bezüglich der globalen Konjunktur und damit verbundene Rezessionsrisiken haben in den vergangenen Tagen deutlich zugenommen. Politische Fehlentscheidungen können jetzt erhebliche Folgewirkungen für Konjunktur und Wachstum in Europa haben. Wir beobachten die weiter oben genannten Indikatoren sehr eng, gehen aber nach wie vor von einer erheblichen Wachstumsdelle und noch nicht von einer Rezession in der Euro-Zone aus. Eine Ausnahme könnte Italien sein. Damit könnte die derzeitige Situation ähnlich wie 1998 verlaufen. Damals wirkten die Asienkrise, der LTCM-Ausfall und ein um 50 % gefallener Ölpreis zusammen. Von Juli bis Oktober büßte der S&P mehr als 20 % ein und erreichte in weniger als sechs Wochen nach dem zweiten „Low“ die vorherigen Höchststände bei knapp 1.200 Indexpunkten wieder. Die Börsen in Paris und Frankfurt verzeichneten seinerzeit deutlich höhere Verluste und brauchten wesentlich länger um den Schock zu verkraften (der DAX erreichte seinen 1998er Höchststand erst Ende 1999 wieder, der CAC40 bereits im Juni 1999).

Wir halten daher vorerst an einer leichten Untergewichtung im Aktienmarkt fest und sehen von signifikanten Verkäufen ab. Auf Einzeltitelebene versuchen wir weiterhin, die Qualität der Aktien- und Rentenportfolios zu verbessern. Unsere Goldübergewichtung bleibt unangetastet. Die Dollar-Schwäche der letzten Tage könnte sich je nach Umfang der EZB-Aktionen umkehren. Die zu Jahresbeginn anvisierten Wachstumszahlen für die großen Volkswirtschaften sind aus heutiger Sicht nicht mehr realistisch. China wird sich für 2020 von knapp 6 % Wachstum verabschieden müssen. Entscheidend für die Kapitalmärkte wird nicht zuletzt sein, wie dort als auch anderswo die konjunkturelle Gegenbewegung aussieht: schnell und V-förmig oder sich länger hinziehend, also U-förmig. Die Gewinnschätzungen für die Aktienmärkte werden sich deutlich absenken. Das kann jedoch sogar den Boden für Umsatz- und Gewinnüberraschungen bereiten. Die nächsten zwei Earnings Seasons für Q1 und Q2 2020 werden hier wichtige Indizien geben. Für die USA und Europa ist 2020 wohl nicht mehr mit Trend- oder Potentialwachstum zu rechnen. Eine schnelle Wende in der Zinspolitik nach oben und nachhaltig steigende Zinsen am Rentenmarkt werden damit ebenfalls unwahrscheinlich. Zusammen mit sehr großzügig bereitgestellter Liquidität durch die großen Notenbanken werden die langfristigen Probleme und potentielle Fehlallokationen tendenziell zunehmen. Es wird immer unklarer, wann und wie der Exit von der ultra-expansiven Geldpolitik erfolgen kann. Volatilitätsextreme werden daher die Märkte auch weiterhin begleiten.

Die Informationen in diesem Dokument wurden ausschließlich zu Informationszwecken für den Empfänger erstellt. Alle Angaben erfolgen unverbindlich und stellen weder eine Finanzanalyse, eine Empfehlung, eine Anlageberatung oder einen Vorschlag einer Anlagestrategie noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf eines Finanzinstruments dar. Daher genügen sie nicht allen gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen und unterliegen nicht dem Verbot des Handelns vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen. Die internen Richtlinien (Organisationsanweisungen) der Bank regeln Letzteres jedoch in dem Sinne, dass eine Vermeidung von Interessenkonflikten gewährleistet wird. Anlagen in Aktien sind sowohl mit Chancen als auch mit Risiken verbunden. Allgemeine Informationen zu den mit einem Investment in Aktien verbundenen Risiken können den Basisinformationen über Vermögensanlagen in Wertpapieren entnommen werden, die Ihre Beraterin/Ihr Berater für Sie bereithält. Interessenkonflikte sind auf der Homepage von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG unter www.hauck-aufhaeuser.com/rechtliche-hinweise/rechtliche-hinweise veröffentlicht.

Die Informationen in diesem Dokument wurden sorgfältig recherchiert. Dabei wurde zum Teil auf Informationen Dritter zurückgegriffen. Einzelne Angaben können sich insbesondere durch Zeitablauf oder infolge von gesetzlichen Änderungen als nicht mehr zutreffend erweisen. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität sämtlicher Angaben wird daher keine Gewähr übernommen. Die Informationen können eine individuelle anlage- und anlegergerechte Beratung nicht ersetzen. Sofern Aussagen über Marktentwicklungen, Renditen, Kursgewinne oder sonstige Vermögenszuwächse sowie Risikokennziffern getätigt werden, stellen diese lediglich Prognosen dar, für deren Eintritt wir keine Haftung übernehmen. Insbesondere sind frühere Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Vermögenswerte können sowohl steigen als auch fallen. Die Angaben gehen von unserer Beurteilung der gegenwärtigen Rechts- und Steuerlage aus. Soweit steuerliche oder rechtliche Belange berührt werden, sollten diese vom Adressaten mit seinem Steuerberater bzw. Rechtsanwalt erörtert werden.

Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung der Verfasser wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG oder deren assoziierter Unternehmen dar. Sofern Aussagen über Renditen, Kursgewinne oder sonstige Vermögenszuwächse getätigt werden, stellen diese lediglich Prognosen dar, für deren Eintritt keine Haftung übernommen wird.

Artikel teilen