Nachdem der Großteil der Kryptowährungen eine herbe Korrektur erlebte, sorgte die Ankündigung der Libra Association für eine Renaissance. Die Einführung der digitalen Währung Libra soll schon 2020 erfolgen. Doch die Idee hat nicht nur Unterstützer und der politische Druck stieg zuletzt. Einige namhafte Gründungsunternehmen sind bereits wieder von dem Projekt abgesprungen.

Portrait Burkhard Allgeier Chief Investment Officer
Burkhard Allgeier
Chief Investment Officer und Head of Strategy & Research
24.10.2019

Die Idee hinter dem Projekt der Libra Association ist nicht neu: Jede Person mit Internetzugang soll, kostengünstig und durch die Blockchain-Technologie gesichert, Zugriff auf Finanzdienstleistungen bekommen.

Die Libra unterscheidet sich in ihrer Konzeption jedoch von anderen Kryptowährungen dahingehend, dass sie als stable coin geplant ist. Sie wird also mit einem vorher definierten Währungskorb, der sog. Libra Reserve, hinterlegt. Ähnlich den vom Internationalen Währungsfonds entwickelten Sonderziehungsrechten soll ein Korb von Hartwährungen und kurzen Staatsanleihen als Anker dienen. Dadurch soll der Währung ein tatsächlicher Gegenwert gegenüberstehen und nicht, wie z. B. im Falle der Bitcoins, rein auf dem Vertrauen der Anleger basieren. Mit dieser Konzeption soll einem der Kernargumente gegen die breite Nutzung von Kryptowährungen begegnet werden: den bisher hohen Preisschwankungen. Durch die erhöhte Volatilität eigneten sich Kryptowährungen bisher als Wertanlage und Zahlungsmittel nur bedingt. Das soll sich durch die Hinterlegung von realen Vermögenswerten ändern. Ein Umtausch der digitalen Währung zum aktuellen Wechselkurs in das lokale Zahlungsmittel soll jederzeit möglich sein und damit der Libra einen intrinsischen Wert verleihen. Ähnlich wie der Großteil der anderen bekannten Kryptowährungen basiert die Libra auf einer Distributed-Ledger-Technologie, der sog. Blockchain. Diese Technologie ermöglicht es, dezentral – anstelle von Finanzintermediären – Transaktionen durchzuführen. Die Überweisungsdetails werden verschlüsselt und die Informationen dezentral auf mehrere Rechner verteilt und in einer Art Kassenbuch erfasst, ohne dass eine vermittelnde Institution notwendig ist.

Finanzielle Inklusion

Die Vorteile der Libra liegen auf der Hand. Die Libra Association selbst gibt an, dass rund 1,7 Mrd. Menschen weltweit aufgrund zu hoher Gebühren vom Finanzsystem ausgeschlossen seien. Eine Mehrheit dieser Personen hat aber ein Mobiltelefon und einen Internetzugang und könnte damit potenziell Transaktionen durchführen sowie sonstige Finanzdienstleistungen wahrnehmen. Insbesondere die Bevölkerung von Entwicklungs- und Schwellenländern hätte also die Möglichkeit, liquide Vermögensbestände in eine Währung zu überführen, die vor Wert- und Wechselkursschwankungen zunächst einmal geschützt ist. Die Einführung der Libra dürfte also einen gewichtigen Beitrag zur finanziellen Inklusion von bisher ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten leisten. Daneben dürften sich insbesondere die grenzüberschreitenden Zahlungen in und aus solchen Staaten vergünstigen. Denn die Finanzierung der Libra wäre zumindest zum Teil durch die Hinterlegung der kurzlaufenden Staatsanleihen und Bankeinlagen gedeckt und könnte so je nach Anlagevolumen einen nicht unbedeutenden Teil an Zinserträgen generieren. Diese könnten jeweils zu Teilen als Dividende an die Investoren ausgezahlt werden und die Betriebskosten reduzieren.

Für die entwickelten Staaten wäre der Zusatznutzen dagegen auf den ersten Blick begrenzt. Die Transaktionskosten sind in den meisten Industrienationen auch für den grenzüberschreitenden Handel niedrig und die Transaktionszeiten selbst bei konventionellen Kreditinstituten gering. Daneben gibt es bereits Zahlungsdienstleister, wie z. B. PayPal, die Transaktionen in Echtzeit durchführen. Anders verhält es sich jedoch in Zeiten von Negativzins und sonstigen Strafgebühren auf Sichtguthaben von privaten und institutionellen Investoren. Anleger könnten durch eine Umschichtung in Libra möglichen Gebühren entgehen und würden sich damit unabhängig von der Zentralbankpolitik machen – auch wenn sie durch den hinterlegten Währungskorb indirekt an den Auswirkungen, wie z. B. an Wechselkursschwankungen, partizipieren würden.

Libra: die ultimative Währung?

Trotz der genannten Vorteile hat sich eine Vielzahl von Kritikern gegen das Libra-Projekt gefunden, die sich öffentlich für ein Verbot der Kryptowährung aussprechen. Denn es gibt durchaus einige strittige Punkte. Im Falle eines plötzlichen Vertrauensverlusts der Währung in Verbindung mit einer kurzfristigen Rückgabe der Libra gegen Bankeinlagen könnte es je nach Verbreitung der digitalen Währung zu Liquiditätsengpässen kommen, die mit einem potenziellen Wertverlust verbunden wären. Auslösen könnte einen solchen Vertrauensverlust beispielsweise ein erneuter Datenskandal wie z. B. zur letzten US-Präsidentschaftswahl (Cambridge Analytica). Des Weiteren käme der Libra Association eine gewichtige Rolle als Käufer von kurzlaufenden Staatsanleihen zu. Sollte es zu einem Run auf die Einlagen kommen, müssten auch diese Anleihen kurzfristig verkauft werden, was je nach Volumen Bewegungen von Preisen und Renditen dieser Bonds zur Folge hätte. Auswirkungen eines solchen Runs hängen von der Verbreitung der Währung ab. Die sehr hohe Nutzerbasis der hinter der Libra Association stehenden Unternehmen lässt darauf schließen, dass auch die Einführung der Libra auf hohe Nutzungszahlen stoßen könnte. Allein Facebook hat weit mehr als 2 Mrd. aktive Nutzer. Das Risiko für das Finanzsystem ist also nicht zu unterschätzen. Ein weiterer zentraler Kritikpunkt liegt darin, dass sich eine parallele Währung etablieren könnte, auf die kein oder zumindest nur begrenzter Einfluss ausgeübt werden könnte. Die Wirkung der Geldpolitik wäre begrenzt. Denn sollten Anleger kaum mehr Bestände der eigenen Währung halten, könnte es im Ernstfall dazu kommen, dass die eigene Währung sukzessive an Wert verliert und nur noch ein Schattendasein führt – insbesondere in Staaten mit instabilen Währungen könnte dies ein realistisches Szenario darstellen. Die Befürchtung liegt also darin, dass sich die eine ultimative Währung herausbildet, die in der Hand einiger weniger Unternehmen liegt und auf die nationale Regierungen und Politiker kaum Einfluss haben. Darüber hinaus wird befürchtet, dass die Libra Association dann die Rolle der Notenbanker übernehmen wird: Sie könnte die fixe Wechselkursbindung lockern und damit aktive Geldpolitik betreiben. Aufgrund der genannten Kritikpunkte sind einige der Gründungsunternehmen bereits vor Einführung im kommenden Jahr wieder abgesprungen, darunter MasterCard, Visa, PayPal oder auch ebay.

Fazit

Die mediale Präsenz von Kryptowährungen ist ein Spiegelbild der aktuellen Situation. Drohende Strafgebühren auf Sichtguthaben auch für Privatanleger erhöhen die Sensibilität vieler Marktteilnehmer für Alternativen zu den herkömmlichen Fiatwährungen. Bisher fehlte es allerdings an validen Konzepten, die für die breite Anwendung im Massenmarkt umsetzbar sind. Zu hoch waren die Wertschwankungen der bislang auf den Markt gebrachten Kryptowährungen und zu gering die bisherige Akzeptanz im Zahlungsverkehr. Die breite Einführung einer dezentralen (Krypto-)Währung würde zu einem großen Teil das bestehende Geldsystem aushebeln. Daher ist es nicht verwunderlich, dass besonders Vertreter der Finanzwirtschaft sich öffentlich gegen die Einführung der Libra äußern. Die Umgehung von Gebühren oder gar der Verzicht auf Dienstleistungen von Finanzintermediären hätte vor allem in Europa mit seinen ohnehin schon margenschwachen Finanzinstituten tiefgreifende Umwälzungen zur Folge. Die Bestrebungen einer Reihe von Zentralbanken, wie z. B. in China oder Schweden, eigene digitale Währungen zu emittieren, zeigen, dass die Nachfrage und das Interesse an Kryptowährungen nicht so schnell abebben wird – auch wenn das Libra-Projekt vorerst nicht realisiert werden sollte. Mit ihrer unkonventionellen, ultra-expansiven Geldpolitik sind die Notenbanken dabei, ein Stück weit ihr eigenes Grab zu schaufeln. Bereits Hayek hat die „Entnationalisierung des Geldes“ visionär im Blick gehabt. Libra zeigt, dass das staatliche Geldmonopol auf Konkurrenz gefasst sein muss. Der Ruf nach Regulierung von Libra vor allem aus der Ecke der herrschenden Geldpolitiker verdeutlicht, dass es ein ernstzunehmendes Projekt zu sein scheint. Eine Chance hätte Libra verdient.

 

Die Informationen in diesem Dokument wurden ausschließlich zu Informationszwecken für den Empfänger erstellt. Alle Angaben er folgen unverbindlich und stellen weder eine Finanzanalyse, eine Empfehlung, eine Anlageberatung oder einen
Vorschlag einer Anlagestrategie noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf eines Finanzinstruments dar. Daher genügen sie nicht allen gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen und
unterliegen nicht dem Verbot des Handelns vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen. Die internen Richtlinien (Organisationsanweisungen) der Bank regeln Letzteres jedoch in dem Sinne, dass eine Vermeidung von Interessenkonflikten
gewährleistet wird. Anlagen in Aktien sind sowohl mit Chancen als auch mit Risiken verbunden. Allgemeine Informationen zu den mit einem Investment in Aktien verbundenen Risiken können den Basisinformationen über Vermögensanlagen in
Wertpapieren entnommen werden, die Ihre Beraterin/Ihr Berater für Sie bereit hält. Interessenkonflikte sind auf der Homepage von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG unter www.hauck-aufhaeuser.com/rechtliche-hinweise/rechtlichehinweise
veröffentlicht.
Die Informationen in diesem Dokument wurden sorgfältig recherchiert. Dabei wurde zum Teil auf Informationen Dritter zurückgegriffen. Einzelne Angaben können sich insbesondere durch Zeitablauf oder infolge von gesetzlichen Änderungen als
nicht mehr zutreffend erweisen. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität sämtlicher Angaben wird daher keine Gewähr übernommen. Die Informationen können eine individuelle anlage- und anlegergerechte Beratung nicht ersetzen.
Sofern Aussagen über Marktentwicklungen, Renditen, Kursgewinne oder sonstige Vermögenszuwächse sowie Risikokennziffern getätigt werden, stellen diese lediglich Prognosen dar, für deren Eintritt wir keine Haftung übernehmen.
Insbesondere sind frühere Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Vermögenswerte können sowohl steigen als auch fallen. Die Angaben gehen von unserer Beurteilung
der gegenwärtigen Rechts- und Steuerlage aus. Soweit steuerliche oder rechtliche Belange berührt werden, sollten diese vom Adressaten mit seinem Steuerberater bzw. Rechtsanwalt erörtert werden.
Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung der Verfasser wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG oder deren assoziierter Unternehmen dar. Sofern Aussagen über
Renditen, Kursgewinne oder sonstige Vermögenszuwächse getätigt werden, stellen diese lediglich Prognosen dar, für deren Eintr itt keine Haftung übernommen wird.

Artikel teilen