Inzwischen haben sich weltweit rund 100.000 Mensch mit dem Coronavirus infiziert, über 4.500 Todesfälle sind durch die vom Virus hervorgerufene Krankheit COVID-19 zu beklagen.

Der Ausgang der Pandemie war die chinesische Stadt Wuhan in der östlich des Landes gelegenen Provinz Hubei. Durch schnell eingeleitete Quarantäne-Maßnahmen konnten die Infektionsraten auf einem relativ niedrigen Niveau gehalten werden. Allerdings führten diese Aktionen dazu, dass in weiten Teilen des Landes die Produktion von Gütern massiv eingeschränkt wurde. Aufgrund Chinas Funktion als "Werkbank der Welt" und den weltweiten Lieferketten wirkt sich dies zunehmend auf die globale Produktion aus. Dies hat zu einem Angebotsschock geführt. Aufgrund der zunehmenden Quarantäne- und Reiseeinschränkungen kommt nun auch ein Nachfrageschock hinzu.

Um die wirtschaftlichen Folgen des Virus einschätzen zu können, hilft es, die Art und Weise der Ausbreitung des Virus zu verstehen: Das Virus hat sich in den letzten Wochen quasi wellenartig (mit China als Ursprung) ausgebreitet. Zuerst hat es Nachbarländer getroffen (z. B. Süd-Korea, Japan), dann kam es in Europa an und kurz danach auch in den USA. Die Infektionsraten der Krankheit verlaufen im Stil einer Glockenkurve. Zuerst steigen die Fallzahlen langsam an, danach beschleunigen sich die Fallzahlen und es ist ein exponentielles Wachstum der infizierten Personen zu beobachten. Schließlich wird der Hochpunkt erreicht. An diesem Punkt nehmen die Infektionen nicht mehr zu und im Anschluss nehmen sie rapide ab (d. h. die Anzahl der geheilten Patienten nimmt zu).

Vorsichtige Prognose

In China scheint das Hoch vor einigen Tagen erreicht worden zu sein. Das heißt, dass rund 10 Wochen vom Beginn / Ausbruch der Infektion bis zum Hoch der Neuerkrankungen vergehen. Wir haben mit den uns zur Verfügung stehenden Daten berechnet, dass - nähme man die Entwicklung in China als Vorbild - das Hoch der Infektionsraten in Europa in ca. vier Wochen erreicht sein wird, in den USA ca. drei Wochen später. Die sich zuletzt wieder bessernde Entwicklung in China hat auch dazu geführt, dass die Produktion seit ein, zwei Wochen wieder schrittweise hochgefahren wird. Das ist wichtig, weil es in Europa zu einem Engpass bei Vorprodukten (z. B. Autoteilen) kommen wird bzw. teilweise schon gekommen ist. Zum Verständnis: Ein Schiff braucht von China nach Deutschland rund 6 Wochen. Seit einigen Wochen ist der Schiffsverkehr fast zum Erliegen gekommen, weil entweder die Schiffe nicht fahren oder nicht mit Waren bestückt werden – wenn überhaupt welche produziert und an die Häfen transportiert werden. Das heißt derzeit kommen in Europa und den USA noch Schiffe mit Waren an, das dürfte sich aber in ein, zwei Wochen ändern. Es ist zu erwarten, dass Firmen in Europa und den USA Produktionsprobleme bekommen werden, die rund einen Monat bis sechs Wochen anhalten dürften.

Das Wirtschaftswachstum wird in 2020 aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus weltweit spürbar sinken und unter dem Trendwachstum bleiben. Für eine genauere Einschätzung müssen jedoch erst alle Geld- und Fiskalpolitischen Maßnahmen abgewartet und bewertet werden.

Diese Schätzungen beruhen auf einem U-förmigen Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein V-förmiger Verlauf (deutlicher Einbruch, gefolgt von einem schnellen Wiederanstieg der wirtschaftlichen Aktivität) kann inzwischen als mögliches Szenario ausgeschlossen werden. Beim U-förmigen Verlauf dauert die Schwächephase der Wirtschaft länger an, es kommt aber letztendlich (wie auch beim V-Verlauf) zu einem spürbaren Anstieg. Das dritte Szenario, der L-förmige Verlauf, wäre das Worst-Case-Szenario: ein Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität ohne Erholung für einen längeren Zeitraum (z. B. weil die Arbeitslosigkeit deutlich ansteigt). Hauck & Aufhäuser hält den U-förmigen Verlauf für das wahrscheinlichste Szenario, auch aufgrund der Maßnahmen der Geldpolitik (z. B. Senkung der Zinsen, Erhöhung der Anleihe-Kaufprogramme) und der Fiskalpolitik (z. B. Ausweitung Kurzarbeitergeld).

Ergebnisse des EZB-Meetings

Die EZB hat am Donnerstag, 12. März 2020, ein umfangreiches Maßnahmenpaket kommuniziert und dennoch die Markterwartungen nicht getroffen. Der Fokus lag sinnvollerweise auf Maßnahmen, die eine Kredit- und Liquiditätsklemme sowie Bankenkrise bekämpfen sollen:

  • Die EZB hat die Bedingungen für die bereits existierenden Langfristkredite für Banken (TLTRO III) deutlich verbessert. So müssen Banken, die die Vorgaben der EZB für die Kredite an die Realwirtschaft erfüllen, von Juni an einen um 25 Basispunkte niedrigeren Zins zahlen; dieser beträgt dann bei einem unveränderten Einlagensatz -0,75 %. Außerdem hat die EZB das TLTRO-Volumen verdoppelt.
  • Gleichzeitig fordert die EZB von den Regierungen, Kreditgarantien anzubieten, damit Banken einen weiteren Anreiz haben, die aufgestockten EZB-Mittel zu nutzen, um in Schwierigkeiten geratene Unternehmen zu helfen.
  • Die EZB hat das Volumen der Anleihenkäufe bis zum Jahresende um insgesamt EUR 120 Mrd. erhöht. Die EZB dürfte das zusätzliche Geld vermutlich vor allem für den Kauf von Unternehmensanleihen nutzen, deren Kurse zuletzt unter die Räder gekommen waren.
  • Zu guter Letzt hat sich die EZB die Option für weitere Schritte offen gelassen – im Fall der Fälle werde die EZB alle verfügbaren Instrumente einsetzen, so Lagarde.

Die negative Marktreaktion auf Lagardes Pressekonferenz spiegelt wider, dass rein geldpolitische Maßnahmen in dieser Phase ihre Grenzen haben. Überraschend war sicherlich, dass der Einlagenzinssatz (derzeit -0,5 %) nicht um weitere 10 Basispunkte abgesenkt wurde. Eine entsprechende Vorbereitung des Marktes hierauf hätte sicherlich beruhigend gewirkt. Auch das Hilfspaket ist kleiner ausgefallen als gedacht.

Schlussendlich wird die Notwendigkeit eines großen, konzertierten, fiskalpolitischen Pakets deutlich. Der britische Schatzminister Rishi Sunak hat beispielhaft gezeigt, wie so ein Konjunkturpaket aussehen kann. Das Paket ist eine Mischung aus Notgeldern für das staatliche Gesundheitssystem, Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag, Steueraufschub für Unternehmen, staatliche Bürgschaften für Überbrückungskredite an kleine und mittlere Unternehmen und Verzicht auf die Gewerbesteuer für den Gastronomie- und Freizeitsektor.

Für Europa wäre ein vergleichbares Konjunkturpaket essentiell. Ferner wäre die Ausweitung des Wertpapieraufkaufprogramms der EZB auf Aktien wünschenswert – die Schweizerische Notenbank tut dies bereits. Dies wäre ein gänzlich neuer Denkansatz, den auch noch keine andere große Zentralbank geäußert hat, würde aber die Märkte extrem stützen. Insbesondere in den USA, wo der Konsum einen höheren Beitrag zum Bruttosozialprodukt leistet, wäre ein Aktienkauf eine alternative Handlungsmöglichkeit der Fed.

Fazit

Die negativen Ausschläge an den Börsen der vergangenen Tage sind natürlich eine Belastung für alle Marktteilnehmer. Wichtig bleibt, sich an den Fakten zu orientieren. Wir hatten bereits deutlich gemacht, dass ein massiver Abverkauf von Aktien zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenig Sinn macht – zu groß ist die Gefahr, eine Korrektur nach oben an den Börsen zu verpassen. Hinzu kommt, dass die Notenbanken und die Politik deutlich gemacht haben, alles zu tun, um die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus abzumildern. Aus diesem Grund gehen wir auch – wie oben erwähnt – von einem U-förmigen Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung aus. Der Nachrichtenfluss in den kommenden Wochen (wahrscheinliche Gewinnwarnungen der Unternehmen, weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens, etc.) wird wahrscheinlich für eine anhaltende Volatilität an den Märkten sorgen. Aber früher oder später wird der Coronavirus unter Kontrolle gebracht werden und dann wird sich die unserer Erwartung nach Wirtschaft wieder erholen – und daran wollen wir partizipieren.

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