Der globale Ölsektor und die entsprechenden Förderunternehmen haben im bisherigen Jahresverlauf mit einem ordentlichen Wertzuwachs überrascht. So stieg der MSCI Energy um knapp 12 % und damit gut 4 Prozentpunkte stärker als der Gesamtmarkt (Stand: 20.09.2016). Dabei war die Entwicklung des Ölpreises stark von Extremen gekennzeichnet. Zumindest die langfristigen Aussichten für Öl- und Gasproduzenten sind wieder positiv.

Reinhard Pfingsten
Reinhard Pfingsten
Leiter Asset Management
13.10.2016

Ende Januar fielen die Notierungen für Rohöl auf unter 30 US-Dollar je Barrel und damit sogar tiefer als in der Finanzkrise 2008/2009. Grund hierfür war vor allem die Überproduktion. Die USA erweiterten ihre Förderung insbesondere durch Schieferöl und -gas und der Iran weitete nach Aufhebung der Sanktionen seine Produktion ebenfalls signifikant aus.

Auf den geringen Ölpreis reagierten die Unternehmen mit Kosteneinsparungen und Investitionskürzungen. Zu Jahresbeginn produzierten die europäischen Unternehmen noch zu Kosten von mehr als 60 US-Dollar pro Fass, heute liegen die Förderkosten eher unter 50 US-Dollar. Dies ist einerseits auf schwächere Rohstoffwährungen zurückzuführen, andererseits aber auch auf deutlich gesunkene Servicekosten.

Sinkende Investitionen der Majors

Source: Datastream

Gleichzeitig haben die Unternehmen ihre Investitionen im Durchschnitt um 40 % gesenkt, sodass sie mittlerweile ein Niveau erreicht haben, auf dem die mittelfristige Fördermenge nicht mehr stabil gehalten werden kann. Erstmals sank im zweiten Quartal des laufenden Jahres die weltweite Produktion von Öl. Diese Entwicklung wird sich in den kommenden Quartalen fortsetzen. Beim aktuellen Investitionsniveau wird die globale Förderung bis zum Jahr 2020 um rund 15 bis 20 % zurückgehen. Dem abnehmenden Angebot steht eine seit Jahren stabile Nachfrage gegenüber. Der jährliche Bedarf an Öl steigt um rund 1 %. Eine niedrigere Produktion und eine gleichzeitig stabile Nachfrageentwicklung sollten dazu führen, dass wir Engpässe und/oder wieder steigende Ölpreise sehen werden. Einer langfristig positiven Ölpreisschätzung steht kurzfristig allerdings ein noch sehr hoher Lagerbestand gegenüber. Auf kurze Sicht kann der Ölpreis durchaus in der Spanne zwischen 40 und 50 US-Dollar je Barrel zementiert sein. Dabei handelt es sich allerdings nur um die Ruhe vor dem Sturm.

Reinhard Pfingsten

Für den Ölsektor spricht, dass die Gewinndynamik deutlich zunehmen sollte.

Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer

Dividende entscheidet

Steigende Ölpreise sind positiv für die Ölunternehmen. Bisher standen vor allem die Investitionskürzungen und Kosteneinsparungen im Vordergrund. Auch mussten einige Gesellschaften zur Finanzierung der Dividende oder aufgrund der hohen Verschuldung Unternehmensanteile verkaufen. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Nachhaltigkeit der Dividendenzahlungen und die Profitabilität bei höheren Ölpreisen an Bedeutung.

Ein Beispiel für einen sehr attraktiven Dividendentitel ist das niederländisch-britische Unternehmen Royal Dutch Shell. RDS ist das führende europäische Ölunternehmen mit globaler Aufstellung. Der Major ist sowohl in der Produktion als auch in der Verarbeitung tätig. Die aktuelle Dividendenrendite liegt bei mehr als 7 %. RDS hat seit mehr als 50 Jahren die Dividende nicht gekürzt. Auch in Zukunft erwarten wir eine stabile Gewinnausschüttung.

Für den Ölsektor spricht außerdem, dass die Gewinndynamik deutlich zunehmen sollte. So liegen die Markterwartungen für die großen integrierten Ölwerte bei rund 30 % Gewinnwachstum für 2017 – nach einem Gewinnrückgang um 10 % im laufenden Jahr. Inklusive der riskanteren Ölservicefirmen und kleineren Ölförderunternehmen sticht der Energiesektor noch deutlicher heraus. Aktuell verfügt er über die höchste Gewinndynamik im Markt. Dieses Gewinnwachstum lässt sich erklären.

Erwartetes Gewinnwachstum (12 Monate im Voraus in %)

Source: Datastream

Zum einen sind die Unternehmen effizienter als früher aufgestellt und weisen ein geringes Produktionswachstum aus. Zum anderen profitieren sie von höheren Ölpreisen. Für das laufende Jahr kalkulieren wir mit einem durchschnittlichen Preis von 42 US-Dollar pro Fass, für 2017 mit 48 US-Dollar.

Auf lange Sicht werden die Gewinne der Energieunternehmen vom höheren Ölpreis profitieren. Kurzfristig werden diese jedoch auch weiterhin von politisch-kriegerischen, wirtschaftlichen und klimatischen Faktoren beeinflusst. Damit bleibt für die Unternehmen eine gewisse Unsicherheit, langfristig sprechen allerdings die gute Kapitalausstattung, die nachhaltige Dividendenrendite und der sehr wahrscheinlich höhere Ölpreis für den Sektor.

Die gesamte Ausgabe finden Sie hier: HORIZONTE IV/2016

Artikel teilen